Thomas Mann fürs Jugendtheater

- Auf eine Diskussion über Thomas Mann lässt sich Beat Fäh gar nicht erst ein. Über den Dichter, der unbestritten groß ist, aber deshalb noch lange nicht von allen Literaturfreunden gemocht wird, sagt der Schweizer Regisseur nur ganz sachlich: "Leben und Selbstdarstellung sollen ein Werk nicht überlagern, und sie interessieren mich wenig. Ich mag den Roman, den Stoff und diese Bearbeitung."

"Buddenbrooks" von Dramaturg und Autor John von Düffel wurde 2005 am Hamburger Thalia Theater uraufgeführt. Morgen (19.30 Uhr) bringt nun Beat Fäh in dieser Fassung den Aufstieg und Fall einer norddeutschen Kaufmannsdynastie auf die Bühne der Münchner Schauburg. Oliver Bürgin, Hussam Nimr und Marie Ruback spielen Thomas, Christian und Tony, das um seine Rolle ringende Geschwister-Trio der dritten Generation.

Ohne starke Akzentuierung ist die Dramatisierung des über 700 Seiten starken Romans gar nicht möglich. Wie hat von Düffel sie gemeistert? "Er steigt erst nach etwa einem Fünftel des Romans ein, hat die Eltern und Großeltern der Geschwister gestrichen und hört auch früher auf. Er widersetzt sich dem Zwang, alles erzählen zu müssen, und hat das Stück auf die drei Charaktere der Geschwister fokussiert. Dazu kommt die andere Seite, diese Situation einer neuen Ökonomie und inwiefern sie die Geschwister als Jugendliche betrifft", sagt der 55-jährige Regisseur.

Setzt er selbst noch einmal andere Akzente, weil er für das Jugendtheater inszeniert? "Praktisch nicht. Bis auf 20 Zeilen innerhalb von zwei Stunden haben wir uns an die Hamburger Fassung gehalten." Auch bei der adäquaten Umsetzung von Thomas Manns Sprache verlässt Fäh sich auf von Düffel, den er aus seiner Zeit am Bonner Theater gut kennt. "Die Bearbeitung enthält die physische und gestische Essenz des Romans. Sie lässt dieses bestimmte Temperaturgefühl im Raum entstehen und wird dem Roman sehr gerecht."

Und was könnte gerade Jugendliche an diesem Stoff interessieren, außer dass sie ihn anstelle von Schullektüre in gut konsumierbarer Kürze und Dichte dargeboten bekommen? "Die Lebensentscheidungen der drei jungen Menschen", meint der nachdenkliche, etwas spröde Schweizer. "Sie werden erstaunt sein, welch ein rigider Familiendruck da herrscht und welch ökonomischer Zwang auf ihnen liegt."

Fäh erzählt, er habe den Bezug zu heutigen Jugendlichen sehr schön bei der Schulabschlussfeier seines 18-jährigen Sohnes beobachten können: "Die Weichen werden schon in diesem Alter ziemlich brutal gestellt. Ich glaube nicht, dass denen so klar ist, welche Entscheidung sie bereits getroffen haben allein mit ihrer Kleidung und ihrem Habitus. Und welche Gefährdung für sie darin auch steckt."

Als junger Erwachsener nahm Fäh selbst eine kleine Korrektur seiner Weichenstellung vor: Der an der Akademie in Zürich ausgebildete Schauspieler wechselte bald ins Regiefach. "Aus Talentmangel. Ich finde das Spielen den schöneren, anarchischeren Teil. Deswegen bin ich ja zum Theater gegangen." Noch für eine zweite Leidenschaft lebt er: den Ausdauersport. Mit Liebe, Hingabe, Konzentration und Kraft habe das zu tun. Aber nicht mit dem Theater, weshalb er sich darüber gar nicht auslassen mag. "Man fragt einen Regisseur auch nicht, wie viel er kokst und trinkt."

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