Thomas-Mann-Preis für Peter Handke

München - Sechzig Jahre Bayerische Akademie der Schönen Künste, die 1948 durch den bayerischen Staat gegründet wurde. Im Münchner Residenztheater nutzte sie jetzt ihre öffentliche Jahressitzung zu kritischen Anmerkungen, manchen Neuigkeiten, rasanten Paukenschlägen. Und sie bot als Festredner keinen Geringeren als Martin Walser auf.

Voll besetztes Haus. An dem schwülheißen Nachmittag strömten die Menschen nur so ins Residenztheater zur Öffentlichen Jahressitzung der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Der starke Magnet war zweifellos Schriftsteller Martin Walser ("Ein liebender Mann"). Angriffslustig, streitbar, mutig, so präsentierte sich der fulminante Redner auch anlässlich dieses Akademie-Jubiläums.

"Ein Potpourri" über schrieb er seine hier dargelegten "Erfahrungen mit dem Zeitgeist". Walser sprach über "rechte Intellektuelle", Rechtsintellektuelle" und "Linksintellektuelle". Und darüber, wie der jeweilige Zeitgeist ihm mal das Image des Kommunisten, mal das des rechten Nationalisten verpasste. Dabei versäumte er auch nicht, ohne ihn zu nennen, seinen Intimfeind und schärfsten Kritiker Reich-Ranicki zu attackieren. Alles sehr subjektiv, darum so fesselnd; darum aber auch nicht frei von der Eitelkeit des Großschriftstellers; und doch in seinen Gedankengängen von objektiver, intellektueller Brillanz.

Walser geißelte den "Moralexpressionismus des Journalismus" - auch am Beispiel der Wirtschaft, aktuell etwa am Thema Siemens-Konzern: "Keine Moral, die nicht ihre eigene Heuchelei produziert." Meinung oder Zeitgeist? Die Meinung, so Walser, bilde sich aus Erfahrung, der Zeitgeist aus Meinungen: "Die Meinung ist die Marktform des Gedankens, der Zeitgeist liefert die Karosserie dazu."

Ein bisschen schillernde Karosserie täte dieser ehrwürdigen Versammlung großer Denker, Dichter, Musiker, darstellender und bildender Künstler allerdings schon gut. Akademiepräsident Dieter Borchmeyer nutzte daher auch die Anwesenheit von Ministerpräsident Günther Beckstein ("Jetzt weiß ich, warum ich eingeladen wurde."), um auf die desolate Situation des Instituts hinzuweisen: "Die oberste Pflegestelle der Kunst in Bayern ist selbst ein Pflegefall." Und: "Für den Kulturstaat Bayern bedeutet die Akademie viel Ehr' und wenig Geld. Außen hui, unten pfui." Gäbe es nicht die Friedrich-Baur-Stiftung als konstanten, großzügigen Förderer, könnte man wegen "eklatanter Unterfinanzierung" zusperren.

In zusätzliche Not gerät die Akademie zudem durch die derzeitige aufwändige Renovierung der Residenz. Die Folge: 2009, so Borchmeyer, "haben wir den Veranstaltungssaal nicht zur Verfügung. Wir müssen uns also woanders anmieten." Ein finanzieller Ausgleich aber ist nicht in Sicht. Bis jetzt jedenfalls nicht. Beckstein, der sich gern in dem schönen Schein sonnt, als Freund der Künste zu gelten: "Ich sichere Ihnen zu, dass wir die Klagen ernst nehmen, und werde schauen, dass es für die Akademie eine Etaterhöhung gibt, sodass die Klagen geringer werden."

In Gefahr wäre übrigens in diesem Jahr beinahe auch der mit 15 000 Euro dotierte Große Literaturpreis geraten. Vielleicht um ihn zu retten, hat die Akademie ihn heuer umbenannt: Bereits in diesem Herbst verleiht sie den Thomas-Mann-Preis. Wer wollte staatlicherseits in Zukunft eine Auszeichnung dieses Namens wegen Geldmangels platzen lassen!

Zum Glück habe sich für 2008 ein Spender gefunden, der allerdings nicht genannt sein will. Und zum Glück habe man sich auf einen Preisträger geeinigt, der eigentlich nie wieder einen Preis annehmen wollte: auf Peter Handke. Doch der Ehrung aus Bayern, der erste Thomas-Mann-Preisträger zu sein, wollte und konnte er sich nicht entziehen. Borchmeyer: "Er nimmt nur die Ehrung, nicht aber das Preisgeld." Das stiftet Handke der Akademie. Der Laudator bei der Preisverleihung am 8. Oktober ist übrigens Verleger Hubert Burda.

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