Thonet, Auto und Computer

- Die Münchner Pinakothek der Moderne wird am 16. September feierlich eröffnet. Danach können die Besucher eine Woche lang gratis das Haus besichtigen (10-23 Uhr). Die Staatsgalerie moderner Kunst, das Design-Museum Neue Sammlung, das Architekturmuseum und die Graphische Sammlung können in dem Neubau von Stephan Braunfels endlich zeigen, welch enormes Potenzial sie besitzen. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Die gewaltige Chillida-Plastik an der Barer Straße ist bereits aufgestellt worden. Auch Florian Hufnagl, Direktor der Neuen Sammlung, des Staatlichen Museums für angewandte Kunst, ist sieben Tage die Woche mit der Inszenierung seiner Prachtobjekte beschäftigt.

<P></P><P>Sie bespielen bereits ein Museum, und zwar das in Nürnberg, das auch bildende Kunst beherbergt. Was gibt's in München noch zu sehen?<BR>Hufnagl : Die Neue Sammlung ist viel mehr als das, was wir in Nürnberg zeigen. Wir haben uns an der dortigen Kunst-Sammlung orientiert, die Arbeiten ab 1945 präsentiert. Aber unser Haus geht weiter zurück in eine Zeit, in der es Design noch gar nicht gab. 1907 entstand der Deutsche Werkbund. Seit damals sammeln wir. Das heißt, das gesamte 20. Jahrhundert, also alle frühen und wichtigen Entwicklungen, sind in München vorhanden. Wir können den Faden vom Beginn über Industriedesign bis in die unmittelbare Gegenwart verfolgen.<BR>Selbst wenn die Pinakothek der Moderne eröffnet ist, können wir nicht alle unsere 60 000 Objekte zeigen. Wir haben also Stücke ausgewählt, die einen Rundgang durch die Design-Geschichte ermöglichen. Und setzen dabei Schwerpunkte. 2003 wird zusätzlich ein zweigeschossiger Raum eröffnet für Spezialisten und bestimmte Themen. Das wird ein begehbares Depot für denjenigen, der vorher enttäuscht war, weil er nicht alle unsere Fernseher anschauen konnte. Das ist unser Schatzhaus des Priamos'.<BR><BR>Auf welchen Bereichen liegen die erwähnten Schwerpunkte?<BR>Hufnagl : Auf Stuhl, Automobil und Computer-Culture. Hierin zeigt sich die ganze Vielfalt, das, worauf sich die Gestaltung des 20. Jahrhunderts konzentriert hat. Der Stuhl ist das klassische Thema - vom Thron zu Thonet. Thonet war ja der erste Global Player. Es gibt eine Grundform, die je nach Benutzer variiert wird. Er hatte schon das Ikea-Prinzip entwickelt: In einen Kubikmeter gehen rund 40 zerlegte Stühle - die wurden dann so verschickt. Automobil deshalb, weil das 20. Jahrhundert das Jahrhundert des Autos ist. Uns interessiert dabei nicht die Technik, auch nicht das Auto, sondern die Form, das Thema Stromlinie. Und diese Kiste, der Computer, hat unter anderem auch unsere ästhetische Welt revolutioniert: Sehgewohnheiten, Grafik . . .<BR>Die Schausammlung und das begehbare Depot - beide Teile werden "Die Neue Sammlung in der Pinakothek der Moderne" sein. 2003 wird noch eine Sparte ergänzt, bei der gestalterisch wahnsinnig viel passiert ist: Schmuck. Wir bekommen ihn von der Danner-Stiftung.<BR><BR>Sie hatten an der Prinzregentenstraße sehr kleine Räume. Jetzt müssen Sie völlig umdenken - ins Große hinein.<BR>Hufnagl : Ich bin für die Erfahrung mit Nürnberg sehr dankbar. Wie stelle ich in dieser Gesamtsituation, in diesem Kontext Design aus? Wir haben Antworten für Nürnberg entwickelt und mussten Antworten für München finden. Es ist zu fragen, wie schaut ein modernes Museum heute aus? Es ist nicht möglich, lückenlos Design zu präsentieren, sondern es geht darum, den geistigen Inhalt an selektierten Beispielen vor Augen zu führen. Sicher, wir mussten ganz anders denken: Wenn Sie sich vorstellen, dass das, was wir im kleinen Haus zeigen konnten, in der Pinakothek in eine Vitrine passt. <BR><BR>Zusammenarbeit mit den drei anderen Museen ist durchaus beabsichtigt . . .<BR>Hufnagl : Da gibt es eine Reihe von Themen. Zum Architekturmuseum haben wir natürlich die größte Nähe. Zur Eröffnung werden alle Häuser Arbeiten zu "Positionen der Fotografie" beisteuern. Im zweiten Raum für Wechselausstellungen im Erdgeschoss wird Video-Kunst aus den Staatsgemäldesammlungen zu sehen sein.<BR><BR>Können Sie auch die großartige Treppe bespielen?<BR>Hufnagl : Wir haben dort einen riesigen Setzkasten aufgebaut: als Inhaltsverzeichnis unserer Schau. Von der Decke wird das Modell eines Überschallflugzeugs hängen, das nie gebaut wurde. Zusätzlich werden ein solarbetriebenes Liegerad und Sitzbänke nach unten zu uns locken. Wichtig ist mir die Vision, denn Design ist nicht nur Produkt, sondern auch Idee.<BR><BR>Die Neue Sammlung kann sich in der dritten Pinakothek bestens präsentieren. Bringt das mehr Sponsoren?<BR>Hufnagl : Ich habe Sharp, Loewe und vor allem BMW als Partner gewinnen können. Aber das Sponsoring ist ab dem 11. September gigantisch zurückgegangen: aus, wirklich aus! Das ist ein großes Thema, das uns allen auf der Seele liegt.<BR><BR>Wenn Sie auf die Planungs- und Bauphase der Pinakothek der Moderne zurückblicken, was war, negativ oder positiv, das Bedeutendste?<BR>Hufnagl : Das Schlimmste war, als wir lesen mussten, dass die Pinakothek "wünschenswert, aber nicht notwendig" (Stoiber, 1993) sei. Das Schönste war die Nachricht, dass doch gebaut wird, wenn durch Spenden zehn Prozent der Kosten zusammenkommen würden. Da entwickelte sich eine unglaubliche Solidarisierung der Münchner und bayerischen Bevölkerung. Damit war bewiesen, dass sie alle den Bau wollen. Das macht mich froh, denn das ist eine Antwort auf das eigene Tun. Hans Zehetmair hat diesen Spenden-Satz in die Stoiber-Rede hineingeschrieben. Ohne den Staatsminister gäbe es die Pinakothek der Moderne nicht; das kann man nicht oft genug sagen. Er hat das umgesetzt, worauf wir seit Jahrzehnten gewartet haben. Die Diskussion um dieses Museum geht doch schon, seit ich Bub war.</P><P>Das Gespräch führte Simone Dattenberger<BR><BR></P>

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