Tief in die Musik eindringen

- Für den Dirigenten Yakov Kreizberg sind die Münchner Philharmoniker sozusagen alte Freunde, bei denen er sich wohl fühlt. Was ihn hier besonders reizt, ist "der wunderschöne, homogene Streicherklang und die freundliche und offene Atmosphäre, in der man auch über die Musik wirklich sprechen kann, ohne dass man Angst hat, die Leute wollen nichts hören, wie das oft bei amerikanischen Orchestern ist". Am Samstag, Sonntag und Montag dirigiert Kreizberg wieder die Philharmoniker im Gasteig. Auf dem Programm: Schnittkes erstes Cellokonzert mit Alban Gerhardt und Dvorá´ks neunte Symphonie.

<P>In Amerika, so beklagt Kreizberg, wollten selbst namhafte Orchester nur wissen, ob man lauter, leiser, schneller oder langsamer spielen solle. "Aber richtig tief in die Musik dringt man nicht ein. Ich finde das sehr schade." Gerade was Gustav Mahler während seiner Zeit als Chefdirigent in New York anregte, nämlich über philosophische Dinge, das Wesen der Musik zu sprechen, das sieht Kreizberg in den USA aufgrund der zunehmenden Ausrichtung auf Schnelligkeit und Perfektion schwinden.</P><P>"In Europa ist das Gott sei Dank noch anders. Und hier in München kann man das wirklich. Die sind noch aus der Zeit mit Celibidache gewöhnt, auch 16 Proben zu machen, heute ist das nicht mehr möglich. Aber Celi konnte mit den Musikern reden, und man hat das Gefühl, sie haben noch Geduld zuzuhören."</P><P>Yakov Kreizberg (42), der in St. Petersburg geboren und als 16-Jähriger mit seiner Mutter in die USA emigrierte, ist als Dirigent weltweit gefragt. 13 Jahre hat er zwischenzeitlich in Deutschland gelebt, war unter anderem GMD an der Komischen Oper in Berlin. Inzwischen ist er wieder in den USA, in Colorado, weil er die Natur und Ruhe der Rocky Mountains liebt. Doch er arbeitet nach wie vor gerne und viel in Europa. Im nächsten Jahr wird er in Amsterdam Chefdirigent der Niederländischen Philharmoniker und des Kammerorchesters. Zeit für die Münchner Philharmoniker will er trotzdem immer finden.</P><P>Die aktuelle Werkauswahl mit Schnittke und Dvorá´k mag für manchen eine ungewöhnliche Zusammenstellung sein. "Es ist ein slawisches Programm und ein Programm, das zeigt, wie die Komponisten mit ihrer Heimat verbunden sind. Dvorá´k komponierte die Neunte ja in den USA, als er großes Heimweh hatte. Und obwohl es amerikanische Einflüsse gibt, ist die Musik sehr tschechisch." Bei Schnittke, so Kreizberg, verhalte es sich genauso, denn die Musik reflektiere die Gesellschaft, in der sie komponiert sei.</P><P>"Das ist bei fast allen russischen Komponisten üblich, vor allem in der Zeit, als die Sowjetunion noch existierte. Man hört zum Beispiel im vierten Satz dieses Cellokonzertes eine russisch-orthodoxe, kirchliche Hymne. Ich finde es auch sehr interessant, dass beide Werke in gewisser Weise identisch beginnen. Auch die rhythmische Struktur der Melodien ist identisch."</P><P>Selbst wenn Yakov Kreizberg Dvorá´ks Symphonie "Aus der Neuen Welt" schon oft dirigiert hat, sie zeitweise ausklammerte: Trotzdem liebt er das Werk nicht weniger, weil es so populär ist. "Wenn ich zu einem Stück, das ich sehr gut kenne, zurückkomme, entdecke ich immer wieder Neues." Als Dirigent sammele man viel Erfahrung, weil man zwischenzeitlich andere Musik dirigiere. "Bestimmte Übergänge, bestimmte Phrasierungen, auch der Charakter und das Klangliche wandeln sich ständig. Ich verändere oft meine Meinung darüber, wie manche Dinge musiziert werden sollen. Das ist ganz normal."<BR></P>

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