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Orhan Pamuk schildert eine Türkei zwischen Erstarrung und Aufbruch.

Tiefe Einsichten in den Orient

Jetzt auf Deutsch: Orhan Pamuks früher Familienroman „Das stille Haus“ kommt heute in den Handel

Die Türkei im Sommer 1980, ein Kaff am Marmarameer. In einem großen alten Haus verbringen drei Geschwister die Ferien bei der bettlägerigen Großmutter. Eine ruhige Zeit, möchte man meinen. Faruk, der Älteste, ist Historiker und forscht im Archiv der Nachbarstadt nach Spuren der Pest in der Region. Nilgün ist Studentin, badet und liest viel, und zwar Turgenjew und die kommunistische Zeitung Cumhuriyet. Und Metin, der Jüngste, geht noch zur Schule, hängt mit alten Freunden aus den neureichen Elternhäusern seiner Kinderzeit herum und träumt von einer Karriere in Amerika. So beschaulich diese Betätigungen klingen, untergründig rumort es bei allen jungen Leuten. Und nicht nur bei ihnen.

Orhan Pamuks früher, jetzt auf Deutsch erschienener Roman „Das stille Haus“ aus dem Jahr 1983 spielt am Vorabend des dritten türkischen Militärputsches, der am 12. September 1980 stattfand. Und die Unruhe, Ungewissheit und politischen Verwerfungen, die ihm in jenen Sommertagen vorausgehen, spürt man. Besonders stark bei Hasan, einem Cousin der drei. Statt für seine Prüfungen zu lernen, treibt er sich mit Nationalisten herum, die ihre Slogans auf Wände schmieren und Händler bedrohen, die Zeitungen wie die Cumhuriyet verkaufen. Schwach und gedemütigt fühlt sich der aus bescheidenen Verhältnissen stammende Hasan, der sich immer ganz große Auftritte und die Liebe Nilgüns erträumt, aber im entscheidenden Augenblick kein Wort herausbringt. Und dann ist da noch Recep, der kleinwüchsige, für alle treu sorgende Diener der Großmutter. Eine unheimliche Getriebenheit wohnt den Handlungen dieser Figuren inne, aber sie ist nicht ausschließlich gesellschaftspolitischer, sondern auch sehr privater, familiärer Natur. Um das zu erklären, muss hier ein wenig ausgeholt werden. Aus der Ehe zwischen der Großmutter, der streng gläubigen Fatma, und ihrem Mann ging ein Sohn, Dogan, hervor. Doch da die Liebe zwischen den beiden früh abgekühlt war, hatte Fatmas Mann mit einer einfachen Türkin zwei weitere Kinder, den kleinwüchsigen Recep und seinen hinkenden Bruder Ismail. Ihre körperlichen Beeinträchtigungen erhielten sie, als Fatma sie eines Tages misshandelte. Erst ihr Halbbruder Dogan holte sie später wieder ins Haus.

Während Recep sich mit stoischer Gelassenheit um die hasserfüllte Fatma zu kümmern begann, baute sich Ismail mit Geld von seinem verstorbenen Vater ein armseliges Haus, für das sich sein Sohn Hasan nun so sehr schämt. Sorgfältig bewahren selbst die Enkel noch Abstand voneinander. Und erst das allmählich sich vervollständigende Wissen um diese Beziehungen macht die Begegnungen in diesem Familienroman so vielsagend und spannungsvoll.

Pamuk erzählt die Geschichte dieses Sommers abwechselnd aus der Perspektive der genannten Hauptfiguren. Fatma, Faruk, Metin, Hasan, Recep – alle sind sie immer wieder und am Ende immer dichter nacheinander die Ich-Erzähler. Mit einer Ausnahme, und das ist Nilgün. Den Grund dafür erschließt der Schluss des Romans, er soll hier aber nicht verraten werden. Interessanter als dieser ist ohnehin, was sich die Großmutter in ihrem Bett wieder und wieder vergegenwärtigt: Wie ihr Mann besessen an einer Enzyklopädie schrieb, wie er an die Aufklärung, die westlichen Wissenschaften und die Freiheit des Individuums glaubte, die er als Gegensatz zum „Sünden- und Schuldgeschwätz des Orients“ betrachtete. Bei der frommen Fatma löste das nur Ekel aus. Und wonnevoll erinnert die hartherzige alte Frau sich daran, wie in den von ihr geliebten Winternächten „alles in regloser Starre befangen“ war – genauso wie sie selbst ihr Leben lang.

Eine Gesellschaft im Umbruch, auf der Suche nach alten Werten und neuer Moral, dem Westen atemlos, manchmal unreflektiert, aber voller Bewunderung nacheifernd, beschreibt Pamuk mit den verschiedenen Generationen und Verzweigungen dieser Familie. Wechselnd zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zoomt er einzeln Szenen und Eindrücke greifbar nah heran, um dann wieder jenen Sommer in die Ferne einer unguten Erinnerung zu rücken. Ein Buch, das etwas Geduld erfordert, dann aber mit unspektakulären, tiefen Einsichten in die neuere Geschichte des Orients belohnt.

Orhan Pamuk

„Das stille Haus“. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Hanser Verlag, München, 368 Seiten; 24,90 Euro.

Von Christine Diller

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