Die Tiefschürfer

- Eine hübsche Geschichte: Der Violinist Vadim Gluzman spielt John Neumeier die unveröffentlichten "24 Préludes für Violine und Klavier" der jungen russischen Pianistin und Komponistin Lera Auerbach vor. Hamburgs Ballettchef, auf Anhieb begeistert, beginnt zu choreographieren. Und soeben machte die Musik- und Ballett-Uraufführung "24 Préludes CV" (unter Hinzuziehung von Auerbachs "Préludes für Cello und Klavier", 1999) den umjubelten Auftakt der Hamburger Ballett-Tage in der Staatsoper.

Eine erfolgreiche Geschichte? Eine wiederum (geht gar nicht anders bei Neumeier) meisterhafte Arbeit, mag auch der erste, der Cello-Teil - immer in dieser niederdrückend verquer-verhäkelten Tanzsprache (in sich ja höchst gekonnt!) und deshalb auf relativ gleichem Spannungsniveau - ermüdend dahinschleichen. Es ist so, als ob Neumeier eine Anlaufzeit braucht, um sich aus seiner Zergrübelung herauszuziehen. Im Violin-Teil bekommt der Abend endlich Momentum: Wenn die gertenschlanke Laura Cazzaniga sich in virilem Allegro-Tempo mit Otto Bubenicek ein Liebes-Duell liefert. Wenn darauf mit Anna Polikarpova - flachsblonde schöne Sirene, umgarnt von Hawaiihemd-Machos - eine weiblich-sensible Anmut hineinstrahlt in diese Ödnis von Gedankenschwere und Zermattung.<BR><BR>Darf ja sein, nur nicht lawinenmäßig. Natürlich sind wir bei Polikarpovas Tanz auch gebettet auf süße Romantik-Erinnerungen der Préludes Nr. 7. und 8. - wunderbar von Vadim Gluzman, exzellent begleitet von Pianistin Angela Joffe. Im ersten Teil, ebenfalls vorne an der Rampe exquisit die Cellistin Ani Aznavoorian und am Flügel die Auerbach.<BR><BR>Auerbach und Neumeier, da haben sich zwei gesucht und gefunden: beide keine Avantgardisten, sondern subtile Tiefschürfer, Nuancen-Sucher in einer fortgeschriebenen, aufgerauten Klassik. Auerbachs geschlossene kurze Stücke streifen verschiedene Stile, vom Barock bis zur Atonalität, wechseln regelmäßig zwischen lyrisch-elegisch und pointiert rhythmisch aufreizend und aggressiv. Eine farbige offene Form und genau der willkommene Rahmen für Neumeiers freie Assoziationen. Auch wenn er kein Formenzertrümmerer ist wie William Forsythe, selbst Neumeier scheint einer Auflösung von "Heile-Welt-Handlung" zuzustreben, wie letzthin seine "Winterreise" bewies.<BR><BR>Seine Tänzer sind das Thema<BR> <BR>Und was das Thema betrifft, wird er richtiggehend zeitgenössisch. Thema sind: seine Tänzer. Aus ihren Persönlichkeiten heraus schreibt er die einzelnen Szenen. Immer wieder lässt er sie von rechts und links auftreten oder aus einem großen Neon-umrandeten Fenster (auch Neumeiers Ausstattung) im Hintergrund: das "corps de ballet", in Trainingsklamotten, sittsam marschierend in geordneten Reihen und Pulks. Und die Solisten in ihren Sonderqualitäten: Silvia Azzoni, feingliedrige ätherische Nymphe, Joelle Boulogne, Neumeiers große Dramatische, Heather Jurgensen, der Anti-Sterbende-Schwan, Niurka Moredo, die Skurril-Zerbechliche, Alexandre Riabko, Lloyd Riggins, Peter Dingle, man bräuchte ganze Feuilletonseiten, alle sublim.<BR><BR>In ihren Soli und Pas de deux spiegelt sich auch die Ballettarbeit - bis hin zum Willen des großen Mentors, der sie zu Extremleistungen verführt. So schön-total erschöpft wie das Hamburg-Ensemble ist keines sonst hierzulande.<BR>

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