Im tiefsten Schwarz des Schmerzes

- "Ich will kein Spektakel zeigen, sondern einen unaussprechlichen, unmenschlichen, schrecklichen Akt." Ennadre hat den 11. September 2001 und die darauf folgenden Tage in New York verbracht, bekam den Terroranschlag hautnah mit und hat sich mit Trauernden, mit Katastrophen und mit dem Leid auseinander gesetzt. In der Münchner Villa Stuck hängen 16 großformatige Fotos: Angehörige halten eine Vermisstenanzeige hoch, Helfer sind erschöpft in sich zusammengesunken. Entsetzen, Hilflosigkeit, seelische und körperliche Grenzerfahrungen spiegeln sich in den Gesichtern wider. Sie schälen sich auf tiefstem Schwarz körperlos hervor. Es ist Nacht in New York, eine rabenschwarze Stimmung. Harte Kontraste in Weiß kennzeichnen die Überlebenden, die Reste einer pulsierenden Stadt, in der jegliche Lebensfreude grausam vernichtet wurde.

<P></P><P>Ennadre dokumentiert nicht. Er repräsentiert nicht. Er fühlt und zeigt einen innerlichen Aufschrei. Er steigt in die Seelendramen ein und purifiziert sie zu emotionalen Porträts und Szenen. Er steht den Trauernden mit seiner Kamera so nahe, dass man als Betrachter trösten möchte und sich doch der Machtlosigkeit aller Versuche bewusst wird. Das Schlimmste dabei: Ennadres Lebensziel ist "die Verwirklichung von Liebe", die hier mit purer Verzweiflung konfrontiert wird.</P><P>Eine Flagge unter einer Pistole, unter Schutt und Dreck. Immer wieder tauchen die "Stars and Stripes" auf, zerfetzt und verschmutzt das Zeichen der amerikanischen Unverletzbarkeit. Verkrustete Füße erzählen von den vielen Stunden des Suchens im zusammengefallenen World Trade Center. Dass auch der Fotograf Risiken auf sich nahm, um dabei zu sein und zu helfen, wird erst viel später klar. Auch die Erschütterung ist den Großformaten erst nach einiger Zeit abzulesen. Auf den ersten Blick sind es bombastische Kontraste, durchaus auch ästhetische Aufnahmen. Stilisiert Ennadre das Leid? "Ich hasse ästhetische Fotografie", betont der Marokkaner. "Ich wollte Nähe und Konzentration, um die Dramen auszudrücken." Wenn dabei ein Hauch von unendlich trauriger Schönheit hineinweht, so verweigert er sich aber dieser nicht.</P><P>Ennadre, 1953 in Casablanca geboren, fand seine Heimat seit 1961 in Paris. In den 70er-Jahren war er der große Reisende und widmet sich seither immer wieder den Themen Geburt und Tod. Momentan ist er auch auf der Documenta11 vertreten. Mit der Münchner Ausstellung "New York City, 11. September 2001" hat er ein Tabu gebrochen und Terror und Kunst zusammengebracht. Die Mahnmale der Zerstörung in der Villa Stuck haben einen starken Aspekt von Menschlichkeit, ein Aspekt, der letztlich auch Katastrophen überwinden lässt.<BR><BR>Bis 15. September, Tel. 089/45 55 51 12.<BR></P>

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