Tieftauchgänge in die menschliche Seele

- Der Tod kommt im Schlaf. Die Wahl seiner Opfer ist unbegreiflich. Erst stirbt Sanna, eine junge, lebenslustige Frau. In der Nacht darauf Laura, ebenfalls noch in den Zwanzigern, freundlich, herzlich, beliebt. Es ist der Beginn einer schwer fassbaren Verbindung zwischen zwei Männern, die im Augenblick des Todes bei den Frauen waren: der Polizist Kimmo Joentaa, der im Krankenhaus am Bett seiner krebskranken Frau Sanna saß.

<P>Und Vesa Lehmus, der sich nachts Zugang zu Lauras Haus verschaffte, scheinbar seelenruhig im Wohnzimmer ein Glas Wein trank, um sich anschließend an das Bett der Schlafenden zu stellen und sie mit einem Kissen zu ersticken.</P><P>Das Duell zwischen Mörder und Kommissar ist ein klassisches Motiv der Kriminalliteratur. In Jan Costin Wagners zweitem Roman "Eismond" erhält es jedoch neue, überraschende Nuancen. Es ist nicht das altbekannte Katz-und-Maus-Spiel, das zwischen den beiden Hauptpersonen entsteht. Vielmehr erscheinen sie als Seelenverwandte, als zwei Seiten derselben Persönlichkeit. Der eine, Kimmo Joentaa, steht dem Tod passiv und wehrlos gegenüber. Der Verlust seiner Frau ist ein Schlag, der ihn taumeln und fallen lässt. Auch Vesa Lehmus befand sich einst in dieser Opferrolle. Kurz nach seiner Geburt hatte er beide Eltern verloren. Als Erwachsener beschließt er, sich auf die andere Seite, die des Todes zu stellen, selbst die Kontrolle zu übernehmen - und die Lebenslichter ihm unbekannter Menschen auszulöschen. </P><P>Joentaa ermittelt in der mysteriösen Mordserie, die die Umgebung der finnischen Stadt Turku erschüttert. Doch anstatt in üblicher Detektiv-Manier Indizien wie Puzzleteile zusammenzufügen, lässt er die Logik weg. Fast scheint Joentaa mehr an der Aufarbeitung seines eigenen Schicksals interessiert als an der Aufklärung des Falls. Der Polizist sucht den Kontakt zu Hinterbliebenen, nicht weil er von ihnen Tathinweise erhofft, sondern einen Schlüssel zum Umgang mit dem Tod.</P><P>So konfus sein Vorgehen bisweilen erscheint, die Beschäftigung mit dem eigenen Ich führt ihn immer näher an sein Pendant, den Mörder, heran. Wagner erzählt in präzisen Sätzen, die kühl erscheinen, aber durch ihre Schärfe zum Kern der Dinge vordringen und dadurch berühren. Wie schon in seinem ersten Roman "Nachtfahrt" kontrastiert der 31-Jährige gekonnt ein idyllisches Szenario - damals Südfrankreich, diesmal Finnland - mit Seelenabgründen, die dadurch in ihrer ganzen Düsterkeit zur Geltung kommen. Nur dass in Wagners Debüt daraus ein schillernder Zynismus resultierte. "Eismond" ist dagegen ganz und gar ernsthaft.</P><P>Dabei passen etwas Ironie und Boshaftigkeit viel besser zu Wagners verknapptem, distanziertem Stil - und hätten die Tieftauchgänge in die menschliche Seele wunderbar unangestrengt wirken lassen. "Eismond" ist dennoch ein psychologisch reizvoller Krimi, der seine Spannung nicht aus Thriller-Effekten bezieht, sondern sie aus dem Innenleben seiner Figuren aufbaut. </P><P>Jan Costin Wagner: "Eismond". Eichborn Verlag, Berlin. 305 Seiten, 19,90 Euro. </P><P> </P>

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