Das Tier hebt nicht ab

- Einzelkind, Sohn einer russischen Anästhesistin, so teilt das Programmheft mit, dann Vollwaise, BWL-Studium - der Mann musste ja zur Spaßbremse werden. Und ist ergo befähigt für den industrialisierten Humor: Seine "Konfetti Orlowsky GmbH" dominiert das Basler Wirtschaftsleben, beschäftigt Damen in rosa Kitteln und mit Schwellkopf-Larven, die das bunte Zeug aus Papierbögen knipsen. Aber seine Partys . . . Nix Stimmung, nix komisch, was Eisenstein & Co., mehr noch aber das Premierenpublikum irritierte.

<P>Bierflaschen und Gewürzgurken</P><P>Die Antwort lauert in der Biografie der Regisseurin. Denn wer aus Basel stammt, alljährlich die oberrheinische Fasnacht erleidet, der entwickelt womöglich eine Hassliebe auf Rituale der Heimat. Und eben dort wagte sich nun Barbara Frey erstmals ans Musiktheater. In München ist sie eine unangefochtene Theatergröße. Ihre Resi-Inszenierungen von "Endspiel", "Onkel Wanja" und "Phädra" sind Regieperlen, sind kleine Wunder an subtilen Charakterbefragungen und klug komponierten Zwischentonfolgen: Wie sie da wohl am Theater Basel mit Johann Strauss' "Fledermaus" zurechtkommt?<BR><BR>Das Stück ist, wie jede Operette, eine harte Nuss, leidet überdies schwer an seiner Rezeptionsgeschichte, die Versionen à` la Otto Schenk zum Standard verklärte, woran sich Regie-Kollegen verbissen bis humorfrei abarbeiteten - siehe etwa Franz Winters Lösung fürs Gärtnerplatztheater. Traditionell agiert also das beschickerte Personal zwischen Plüsch-Salon und Silbersaal, bei Barbara Frey und ihrem Ausstattungsduo Bettina Meyer (Bühne) und Anke Grot (Kostüme) sitzt man dagegen auf orangefarbenen Plastiksesseln, zwängt sich in eine Spießer-Wohnküche oder "feiert" in einer gähnend leeren Lagerhalle, an deren Rückfront ein "Saunabereich" zum textilfreien Befummeln lädt.<BR><BR>Irgendwann klafft da eine Lücke: Das Sinfonieorchester Basel unter Wolfgang Bozic walzert sich in die Schampus-Laune, wartet mit frechen Akzenten, einem penibel strukturiertem Klang und Schubert'schem Melos auf. Amüsement also nur im Graben? Das nun nicht. Bizarre Figuren lässt Barbara Frey nämlich auftreten. Und einen Tick haben sie alle: Rosalinde, die ständig außer sich ist und Männer niederknutscht; Falke, der latent Aggressive; Frosch, dieser Fetthaarige im Arbeitskittel, der an schwyzerdütscher Logorrhoe krankt und vor sich hinbrabbelt. Man sagt nicht "mei, Roserl", sondern "Mein Seelenleben ist im A . . .", nippt nicht am Sektglas, sondern nuckelt an der Bierpulle und nascht dazu Gewürzgurken.<BR><BR>Weil's so abnorm ist, gibt es vor allem im ersten und dritten Akt einiges zu lachen. Denn die Regisseurin deutet an, dass es da noch einen anderen Humor gibt jenseits von Uralt-Pointe oder grellem Comicstrip. Einen Humor, der skurril ist, sich zwischen Schweizer Leerstellen-Komik und britischer Monty-Python-Absurdität bewegt, eine Slapstick-Beckett-Krawall-Mischung, die Operette nicht denunziert, sondern tatsächlich ins 21. Jahrhundert treiben könnte.<BR><BR>Doch mögen Barbara Freys Figuren noch so übertourig flattern: Diese "Fledermaus" hebt nicht ab. Strauss versammelt zwar hier ein Rudel Irrwitziger, die sich an persönlicher wie allgemeiner Wirtschaftskrise entlangtrinken. Doch gleichzeitig weiß ja jeder ums "Als ob", um den schönen Schein, schließlich lässt das Stück auch immer wieder - nicht zuletzt durch die Musik - eine schwebeleichte Utopie aufglimmen, die im Dada-Text des "Duidu" gipfelt.<BR><BR>Doch wahrscheinlich liegt es am Rausch. Nicht Champagner hat's verschuldet, sondern hier eben der Gerstensaft, der seine Konsumenten weniger ins Schwipserl treibt, sondern ins dimpfelnde Delirium. Den ganz eigentümlichen, moussierenden, satirisch-kritischen Ton des Werks trifft die Inszenierung also nicht. Und dazu passt auch, dass manche Partien schwerstimmig besetzt sind. Ursula Füri-Bernhard (Rosalinde) klingt immer etwas nach Heroine, Thomas J. Mayer (Eisenstein) nach Heldenbariton. Nur Björn Waag, der einen sehr prononcierten Falke singt, und das Komik-Talent Catherine Swanson (Adele) vermögen restlos zu überzeugen.<BR><BR>Dass Barbara Frey das Publikum oft in Orlowskys Lage versetzt, den das ganze Geschehen ziemlich annervt, wird also der Regisseurin zum Verhängnis. Aber das Zeug zum Musiktheater hat sie, das beweist das genaue Timing in den Gesangsnummern, auch das Talent, den Darstellern ihre Rolle zu ermöglichen, sie ihnen nicht aufzupfropfen. Zweiter Versuch also mit einem anderen Opus? Und am anderen Ort? Immerhin liegen ja Residenz- und Nationaltheater nur ein paar Schritte auseinander.<BR><BR></P>

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