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Tilman Riemenschneiders zwölf Apostel.

Dauerausstellung im Bayerischen Nationalmuseum

Neuer Riemenschneider-Saal: Genie im neuen Licht

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München - Tilman Riemenschneider als großes Erlebnis: Das Bayerische Nationalmuseum hat den Riemenschneider-Saal nach Sanierung und Umgestaltung wiedereröffnet.

Das Bayerische Nationalmuseum hat viele Juwelen, aber sie sind nicht immer gut gefasst. Die Präsentation ist im Laufe der Jahrzehnte teils veraltet, zusammengewürfelt und ein wenig vergammelt. Renate Eikelmann spricht von einem „Rumpelladen“. Deswegen versucht die Direktorin, Ordnung und Schönheit zu schaffen, wie sie es auch beim einst räudigen Museumsvorplatz durchgezogen hatte. Nach der Wiedereröffnung der heiteren Barock- und Rokokoräume erstrahlt jetzt ein Saal in neuem Licht, der einem der größten Künstler Bayerns gewidmet ist: Tilman Riemenschneider (um 1460-1531).

Der Name, den jeder nur mit einer innerer Verbeugung nennt – was sich auch im materiellen Wert niederschlägt –, lockt natürlich viele Besucher ins Museum an der Münchner Prinzregentenstraße. Mit Hilfe seines Freundeskreises konnte die Halle mit ihrem gotischen Netzgewölbe und der Mittelsäule saniert werden. Endlich wurde eine angemessene Licht-Inszenierung installiert, sowohl für die Exponate in Vitrinen wie für die frei an den Wänden angebrachten Figuren. Außerdem wurden alle Kunstwerke umfassend restauriert und konserviert. Dass die Experten sogar Wunder vollbringen können, merkt Riemenschneider-Forscher Matthias Weniger an im Hinblick auf eine Büste. Rabenschwarz sei der Kopf gewesen, der eine Reliquie enthielt. Nun sei aber erkennbar geworden, dass Riemenschneider und seine Werkstatt damit sogar eine Goldschmiedearbeit nachahmten. Das Lindenholz verwandelten sie sozusagen in Gold und Silber.

Riemenschneiders schwebende heilige Magdalena.

Das sind Extrazuckerl für die Besucher wie auch die Chorfenster aus der Kartause Prüll bei Regensburg, die die Herzöge Albrecht IV. und Wilhelm IV. als Stifter herausstreichen, oder die liebenswerte Madonna von Michel Erhart. Vor allem aber begeistert der Riemenschneider-Saal mit Berühmtheiten wie der heiligen Magdalena, umschwebt von sechs Engeln, vom Münnerstädter Retabel. Dieser Altaraufsatz war der größte von Tilman Riemenschneider und der erste ohne Bemalung. Für uns heute ist die Magdalena eine so seltsame wie faszinierende Figur. Sie ist nackt und doch nicht entblößt, denn sie trägt neben wunderbarem Haupthaar ein Fell. Nach der Legende wurde sie zu den Gebetsstunden vom Erdboden hochgehoben. Diesen Moment verewigte Riemenschneider einst für die St.-Magdalena-Kirche in Münnerstadt (Unterfranken).

Blick in den Riemenschneider-Saal im Bayerischen Nationalmuseum München.

Weich und doch klar herausmodelliert wird die Gruppe nun durch das moderne Lichtdesign. Überhaupt wird der ganze Saal, der architektonisch ohnehin einen sakralen Raum zitiert, in die Hell-Dunkel-Stimmung einer Kirche versetzt. Auf diese Weise ist dem Betrachter stets unterschwellig bewusst, dass diese Kunst im Übergang von Gotik zur Renaissance religiös verankert ist – obwohl viele Skulpturen aus ihrem alten Kontext gerissen sind und die Wissenschaftler ihn auch gar nicht mehr rekonstruieren können. Die einmalige Qualität des Bayerischen Nationalmuseums liegt in dieser feinfühligen Einbettung, und zwar von Anfang an.

Ebenfalls seit damals wurden Riemenschneider-Arbeiten erworben. Daher besitzt man in München eine höchstkarätige Sammlung, insbesondere von frühen Werken. Also von Kunst, von der man annehmen darf, dass bei ihr der Meister noch sehr viel öfter selbst Hand angelegt hat. Riemenschneider betrieb später, wie üblich, eine effiziente Werkstatt. Folglich betrachtet man mit doppeltem Genuss die zwölf Apostel, zumal sie wie der (farbige) Gerolzhofener Altar jahrelang nicht zu sehen waren. Der Bildschnitzer erschuf hier zwölf verschiedene Charaktere, die eines eint: vergeistigt zu sein und doch sinnlich erfahrbar – bis zu den Adern auf den Handrücken.

Dauerausstellung Di.-So. 10-17 Uhr, Do. bis 20 Uhr, 24., 31.12. geschlossen; 089/ 211 24 01; der sehr gute Katalog (Imhof Verlag) kostet 24,95 Euro.

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