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Der Schriftsteller Uwe Timm

Münchner Merkur

Uwe Timm: "Die Leute werden ausgepresst"

München - Der Schriftsteller Uwe Timm ("Die Entdeckung der Currywurst") kritisiert im Gespräch mit dem "Münchner Merkur" (Mittwoch), dass sich der Neoliberalismus "brutal" ausgedehnt habe:

Wahrscheinlich hat Uwe Timm den schönsten Arbeitsplatz in ganz München: Von seinem Schreibtisch aus, der nur eine Holzplatte auf zwei Böcken ist, sieht der bekannte Schriftsteller über den Englischen Garten hinweg auf die Frauentürme und die Theatinerkirche. Hier sind sie also entstanden: International erfolgreiche Romane wie „Die Entdeckung der Currywurst“ oder zuletzt „Vogelweide“, aber auch Kinderbücher wie „Rennschwein Rudi Rüssel“. Am 21. Januar wird Uwe Timm, Jahrgang 1940, mit dem Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München ausgezeichnet.

Herzlichen Glückwunsch, Herr Timm! Das ist ja die höchste Kulturauszeichnung, die München zu vergeben hat.

Ja, danke, ich freu’ mich sehr über den Preis. Man ist da in illustrer Gesellschaft, der erste Preisträger war Heisenberg, der letzte vor mir Habermas – das ist doch nicht schlecht.

Sie stammen aus Hamburg, leben aber seit 50 Jahren in München. Fühlen Sie sich als Münchner?

Ich fühle mich in München zuhause, das kann ich ganz klar sagen. Wenn ich am Hauptbahnhof aus dem Zug steige und Münchnerisch höre, weiß ich: Ich bin zuhause. Natürlich wurde ich durch meine Hamburger Kindheit geprägt, und ich spreche immer noch mit dem Hamburger Tonfall, das kann man ja nicht ablegen. Aber ich mag das Bairische sehr, das ist ein schöner Dialekt, der mir zusagt, auch wegen seiner Vielfalt an faszinierenden Redewendungen, die leider peu à peu verschwinden. Kürzlich habe ich wieder so eine Formulierung gehört von einer alten Frau, die sagte: „Jetzt beißt’s aus.“ Das kann man eigentlich kaum übersetzen.

Ihre Bücher hingegen wurden in viele Sprachen übersetzt, sogar ins Chinesische und Hebräische. Wie erklären Sie sich Ihren internationalen Erfolg?

Vielleicht dadurch, dass ich tatsächlich erzähle, natürlich nicht linear, sondern in Montagetechnik, aber es sind eben doch erzählte Geschichten. Und zum anderen könnte es daran liegen, dass ich über den Schreibtisch hinausschaue und den kritischen Blick auf die Wirklichkeit, auf die Gesellschaft richte.

Sie sind ja geprägt durch die Revolte von 1968, die in Ihrem Werk immer wieder zum Thema wird. Wie sehen Sie ‘68 heute?

Wir hatten damals natürlich auch überzogene Vorstellungen, weil wir meinten, die Gesellschaft sei schon so beschaffen, dass man neue Eigentumsverhältnisse herstellen könne. Dieses Modell ist auch durch die DDR völlig an die Wand gefahren. Die ist ja das Negativbeispiel, das zeigt: So geht es nicht. Trotzdem war ’68 ein enorm wichtiger Einschnitt, der bis heute wirkt.

Inwiefern?

Durch den Wandel der Mentalitäten: Diese ganze Gehorsams- und Ordnungsfixierung, die aus der NS-Zeit nahtlos in die junge Bundesrepublik übergegangen war, die wurde wirklich erst ’68 weggefegt, das war ganz entscheidend für die Demokratisierung. Leider wird inzwischen vieles davon rückgängig gemacht.

Zum Beispiel?

Es ist ja evident, dass der Neoliberalismus sich brutal ausgedehnt hat. Das sagen sogar die Kapitalisten, dass der Kapitalismus zügellos geworden ist. Und erstaunlich scheint mir, dass das alles so geschluckt wird, dass die Leute nicht protestieren. Meine Tochter ist Ärztin im Krankenhaus, die erzählt, die Krankenschwestern können sich die Mieten in der Stadt gar nicht mehr leisten, die müssen rausziehen und fahren dann eine Stunde zur Arbeit und eine Stunde zurück. Was sind das für Verhältnisse!? Da müssen beide Partner arbeiten, sonst geht’s gar nicht; die Leute werden natürlich ausgepresst, man merkt ja wie fertig sie sind.

Sie haben sich als dezidierten Erzähler bezeichnet; braucht man als solcher nicht ein Vertrauen in die Sprache, von dem manche behaupten, dass es heute nicht mehr möglich sei?

Ja, das ist der zentrale Punkt, ein Urvertrauen in die Sprache kann man das nennen. Das heißt nicht, dass man die Worte nicht sorgfältig abwägt, und in der Prosa geht es immer auch um den Klang, ein erzählender Text soll musikalisch sein. Aber ich gehöre nicht zu denen, die sagen, man könne heute nicht mehr erzählen. Gerade österreichische Kollegen vertreten ja diese Position und wettern gegen das Geschichtenerzählen.

In Ihrem Roman „Rot“ reduziert der Protagonist seine Bibliothek auf vier, fünf „wesentliche“ Bücher. Welche wären das, wenn Sie auswählen müssten?

Also sicherlich die Bibel. Ich bin zwar Agnostiker, aber die Bibel ist so ungeheuer faszinierend, vor allem in der großartigen Luther-Übersetzung, dass man jedes Mal von Neuem staunt. Ein anderes Buch wäre Homer (die Epen „Ilias“ und „Odyssee“; Anm. d. Red.) in der klassischen Übersetzung von Voss, die ich sogar als Erstausgabe besitze. Außerdem Goethe und Kleist. Die beiden habe ich immer da stehen und lese auch immer darin.

Welche Pläne haben Sie jetzt?

Ich möchte oder werde irgendwann einmal über den Propheten Jonas etwas Längeres schreiben. Das ist ein Projekt, für das ich schon seit 30, 40 Jahren Material sammle.

Das Gespräch führte Alexander Altmann.

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