Verwirrung nach Explosion im New Yorker Stadtteil Manhattan

Verwirrung nach Explosion im New Yorker Stadtteil Manhattan
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Der kleine Horrorladen im Residenztheater mit (v. li.) Mercy Lewis (Friederike Ott), Mary Warren (Valerie Pachner) und Abigail Williams (Valery Tscheplanowa).

Premierenkritik

"Hexenjagd" in München: Das Resi öffnet seinen Horrorladen 

München - Tina Lanik inszenierte am Münchner Residenztheater Arthur Millers „Hexenjagd“ als biederes Illusionstheater. Lesen Sie hier unsere Premierenkritk:

Huhuuh, wie schauerlich! In einer schwarzen Kerker-Architektur sitzen fünf sittsam gekleidete Mädchen, denen das Blut aus dem Mund läuft. Und in den Blackouts nach jeder Szene ertönt gar fürchterliches Gewimmer und Stöhnen. Ach, wenn’s uns nur gruselte! Denn diese Geisterbahneffekte wirken bloß unfreiwillig komisch. Und dann mutiert der kleine Horrorladen, der da im Münchner Residenztheater eröffnet hat, auch noch zu einem Gerichtsdrama mit Exorzisten, hysterischen Jungfrauen, eitlen Pastoren und selbstgefälligen Richtern; zu einer Kleinstadttragödie, wo jeder jeden der Hexerei bezichtigt, an dem er sich rächen oder dessen Besitz er sich unter den Nagel reißen will.

Und es ist ja tatsächlich wie verhext: Da sitzt man im Theater und folgt höchst gespannt einer Thriller-Handlung, die in Star-Besetzung über die Bühne geht, aber gleichzeitig langweilt man sich entsetzlich. Warum? Weil Tina Lanik mit Arthur Millers „Hexenjagd“ ein Stück von 1953 genau so inszenierte, wie man es damals, vor über 60 Jahren getan hätte: als bieder-realistisches Illusionstheater, das aber heute schon darum so deplatziert wirkt, weil der Film diesen Naturalismus viel effektvoller hinkriegt; sodass ein Theater, das dem Kino mit dessen Mitteln Konkurrenz machen will, seine Daseinsberechtigung aufs Spiel setzt.

Die Spannung ist hier nur Lug und Trug

Vor allem aber speist uns dieser konventionelle Regie-Stil mit stereotypen, eindimensionalen Empfindungsmustern ab, statt überraschende, widersprüchliche Erfahrungen zu ermöglichen, wie man es von der Kunst fordert. Darum ist die Spannung hier auch nur Lug und Trug, weil man sofort durchschaut, was uns so in Erregung versetzt: eben nicht die ästhetische Durchdringung des Stoffes, sondern der Stoff selbst, also der Plot, das empörende Geschehen, das geschildert wird. Dieser billige Trick packt uns, wie die Werbung, grobschlächtig bei unseren Affekten, dort eben, wo wir nicht selbstbestimmte Menschen sind, sondern wo reflexhaft die Instinkte anspringen wie beim Pawlowschen Hund.

Millers „Hexenjagd“ thematisiert ein reales Ereignis, ein spätes Aufflackern des Hexenwahns in dem amerikanischen Puritanerstädtchen Salem anno 1692. Aber natürlich ist das Stück ein historisch verkleideter Kommentar zur McCarthy-Ära in den USA der Fünfzigerjahre, als eine Art Hexenjagd auf meist nur vermeintliche Kommunisten stattfand.

Die Regie scheut eine eigene Interpretation

Die Inszenierung blendet nicht bloß diesen zeitgeschichtlichen Aspekt aus (das ginge ja noch), sondern sie verweigert auch konsequent jede Auskunft darüber, was uns das Thema heute angehen soll. Wer sich krampfhaft bemüht, kann vielleicht Bezüge zu pseudoreligiösem Terrorismus konstruieren, zu Theokratien oder der religiösen Verbrämung von Machtansprüchen in der Gegenwart. Wirklich zu sehen ist von all dem auf der Bühne aber nichts. Allenfalls wäre zu konstatieren, dass Religion generell hier als eine Art Wahn-Phänomen erscheint, als (Massen-)Psychose, die im ungünstigen Fall eben nicht mehr beruhigendes Opium fürs Volk ist, sondern todbringendes Aufputschmittel.

Erst ganz am Ende weht noch ein vager Anhauch echter Dramatik in diesen falschen Theaterspuk: Wenn der redliche Farmer John Proctor (wunderbar in sich versammelt: Thomas Loibl) sein Leben retten könnte, indem er ein falsches Geständnis ablegte, sich eines Teufelsbündnisses bezichtigte – aber sich letztlich wie ein Kantianer reinsten Wassers doch lieber aufhängen lässt, als sein Gewissen mit einer Lüge zu belasten. Hier wird eine ethische Grundproblematik virulent, hier hätte das ansetzen können, was Tina Lanik scheut, wie – um im Bild zu bleiben – der Teufel das Weihwasser: eine Interpretation.

Wie so oft hat diese Regisseurin mal wieder Dienst nach Vorschrift gemacht, ohne innere Notwendigkeit einfach routiniertes Handwerk abgespult. Für einen Thriller reicht das. Für ein Staatstheater mit Kunstanspruch nicht.

Langer Beifall.

Alexander Altmann

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