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Fortfantasieren in eine Eiswelt, die schließlich zum Albtraum gerinnt: Die querschnittsgelähmte Rusalka (Anna-Maria Kalesidis) singt in einem Museum ihr „Lied an den Mond“.

Premierenkritik

Nixe zu verlieren

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Innsbruck - Das Tiroler Landestheater zeigt Dvořáks „Rusalka“ als surreale Tragödie einer Rollstuhlfahrerin

Wann genau der Bruch passiert ist, man weiß es nicht. Vielleicht in den Achtzigerjahren, als Antonín Dvořáks „Rusalka“ das Märchenkleid heruntergerissen wurde und die Regisseure genau in den Wunden bohrten, die – einfach genau hinhören und lesen – doch so offen liegen: eine Tragödie ums schmerzhafte Erwachsenwerden, um unerfüllbare Wünsche und Gelüste, um Selbsterkenntnis und Existenzielles, um Frauen- und Männerfantasien. Bis hin zu grandiosen Produktionen führte dies wie der von Jossi Wieler in Salzburg, wo alles ins Edel-Bordell verlegt wurde, oder von Martin Kušej in München, der in seiner besten Operninszenierung das Grauen um den Lusttäter Fritzl zitierte. So böse, so bitter, so abstoßend ist Thilo Reinhardt nicht. Aber er reiht sich ein in den Kollegenkreis, der eine Nixe, die mittels Liebe zu einem Prinzen in die Menschenwelt will und dort verraten wird, flachlegt, und zwar auf die Psycho-Couch.

Am Tiroler Landestheater in Innsbruck, wo „Rusalka“ bislang nie (!) gespielt wurde, ist die Titelheldin eine Querschnittsgelähmte, die mit der Familie ein Museum besucht. Ein Diorama mit Eislandschaft und seltsamen Wesen hat es ihr angetan. So sehr, dass sich die Unglückliche fortfantasiert in diese klirrende Welt, die bald zum Albtraum gerinnt. Zottelige Fellmantelträger mit Gewehren gibt es, einen wuchtigen Höhlenbewohner (im Original der väterliche Wassermann), eine bizarre, saufende Puffmutter (Ježibaba) – und einen feurigen Kerl, den Prinzen, der an die plötzlich auf eigenen Beinen stehende Rusalka falsche Erwartungen hat. Alles gipfelt in einer brutalen Festmahlszene, in der die mordlüsterne, mit Metzgermessern bewaffnete Gesellschaft Rusalka bedrohlich naherückt. Doch da hat das Blaublut seine „Nixe“ schon längst verloren.

Die wandelbare und wirkungsvolle Bühne von Paul Zoller bietet beste Voraussetzungen fürs Regie-Konzept. Doch irgendwann hakt es. Und es scheint, als beginne sich dieses so vielschichtige Stück gegen einen zu eindeutigen, monokausalen Ansatz zu wehren. Rusalkas Traum läuft in Innsbruck in die verkehrte Richtung. Die Verzweiflung treibt dieses Mädchen ja eigentlich weg von der Wassermann-Welt – und nicht, wie hier zu sehen, in sie hinein, wo angeblich Verheißungsvolles wartet. Außerdem: Alles aus der Perspektive der Titelheldin zu entwickeln und als Imagination zu zeigen, ist ein gern genommener, weil zuspitzender Regie-Kniff. Aber Reinhardt hält das nicht durch. Womöglich auch, weil sich der multiperspektivische Dreiakter nicht so einfach reduzieren lässt – die Partien des Prinzen, des Wassermanns, auch von Ježibaba sind zu stark, zu selbstständig, um sie nur als Hirngespinste abzutun. Spätestens im dritten Akt, wo Rusalka und Prinz ihre letzte tragische Zusammenkunft erleben, verläuft der Abend im Diffusen, nur mühevoll vom Grundeinfall gedeckt.

Gleichwohl: Man bleibt dran. Auch weil Reinhardt erfreulicherweise keinen Aktionismus mag und Bewegung klug dosiert. Bedanken darf er sich außerdem bei Dvořáks starkem Stück und bei der Besetzung. Dominik Sutowicz mag über den Prinzen schon ein bisschen hinaus sein. Doch wie er seinen stabilen Prachttenor geschmackvoll führt, wie er ihn auch immer wieder aufs Lyrische herunterdimmt, das ist wirklich hörenswert. Michael Hauenstein singt einen kernigen Wassermann, der nicht vom Eisberg, sondern direkt aus dem Belcanto zu kommen scheint. Susan Maclean hat an der Ježibaba merklich Spaß, überdreht sie aber nicht in die Karikatur. Anna-Maria Kalesidis ist eine sehr lyrische, vokal fast zu kleine Rusalka. Viel fein Austariertes und Unforciertes vernimmt man, aber auch zu wenig Mittellagen-Resonanz – Francesco Angelico muss da schon sehr aufpassen, um seine Protagonistin nicht zu überfahren.

Der Chefdirigent mausert sich immer mehr zur interessantesten Figur des Tiroler Landestheaters. Ein Ästhet, der wunderbare Bläsersoli formulieren und das Tiroler Symphonieorchester mit warmer Fülle und geschmeidiger Flexibilität spielen lässt. Dvořáks Volksliedton missversteht Angelico nicht als Einladung zum spitzen, handfesten Musizieren. Selbst kleine Akzente bekommen ihren genau abgeschmeckten Klanggehalt. Keine verkappte Opernsymphonie vernimmt man da, sondern wirklich sängerfreundliche, substanzreiche Theatermusik. All das dürfte auch für die nächste Premiere des Chefs das beste Rezept sein – das wäre dann im Februar Giuseppe Verdis „Maskenball“.

Weitere Vorstellungen:

30. September sowie 5., 7., 16., 20., 23. und 27. Oktober; Telefon: 0043/ 512/ 52 07 44.

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