Wir toben uns in Wörtern aus

- Er sieht ihre Narben schon bei der ersten Begegnung in Cambridge. Narben, die sie sich bei ihrem ersten Selbstmordversuch zugefügt hatte. Nichts, was ihn hindert, aber alles, was ihn hinzieht zu der amerikanischen Studentin. Er, "der große, tolle, dunkle Junge", küsst sie "peng, knall auf den Mund", wie später in ihren Tagebuchaufzeichnungen nachzulesen sein wird. Und sie, "sehr betrunken", beißt ihn in die Wange. "Als er mein Zimmer verließ, lief ihm Blut über das Gesicht." Es ist der 25. Februar 1956. Sylvia Plath und Ted Hughes haben sich gefunden.

Die Narben. Er hätte es ahnen können. Aber am Anfang ist da so viel Leichtigkeit. Die Jungverliebten schlendern durch Wälder, lesen einander selbstverfasste Gedichte vor. "Wir toben uns aus in Wörtern", notiert Sylvia Plath. Vier Monate später, am 16. Juni 1956, heiraten sie, verbringen ihren Urlaub in Spanien. In Briefen an ihre Mutter schreibt Sylvia begeistert: "Beide brauchen wir dieselbe Menge Schlaf und Essen und Zeit zum Schreiben." Ihre Tagebucheintragungen hingegen sind düster gefärbt: "Der Schmerz dringt ein, sauber wie ein Rasiermesser, und das dunkle Blut quillt."

Sylvia, immer wieder von Depressionen zurückgeworfen, drängt nach vorne, schickt über 40 Kurzgeschichten an diverse Magazine, eine davon wird gedruckt. Anders als ihr Mann, für den nur das Schreiben zählt, will sie ihre Werke veröffentlichen. Sie entschließt sich, auch seine Gedichte einzureichen: Schließlich wird der Gedichtband "The Hawks in the Rain" bei Harper's verlegt. "Ich bin glücklicher, als wenn das mein Buch wäre, das veröffentlicht wird", schreibt Sylvia Plath.

Ab Sommer 1957 arbeiten sie und Ted Hughes als Dozenten in Amerika. Die Lehrtätigkeit strengt Sylvia sehr an, sie findet monatelang nicht die Kraft zu schreiben. Ted schlägt ihr zuliebe vor, die Dozententätigkeit aufzugeben und nur vom Schreiben zu leben. Er ist inzwischen ein gefragter Lyriker, Sylvias Gedichte werden nur selten gedruckt. Sie notiert: "Er ist ein Genie. Ich bin seine Frau."

"Er ist ein Genie. Ich bin seine Frau."

Sylvia Plath

Wieder nach Großbritannien zurückgekehrt, wo sich das Paar in Devon niederlässt, bringt Sylvia zwei Kinder, Frieda und Nicholas, zur Welt. Im Sommer 1962 sagt sie zu ihrer Mutter: "Ich habe alles im Leben, was ich mir je gewünscht habe, einen großartigen Ehemann, zwei anbetungswürdige Kinder, ein schönes Heim und mein Schreiben." Dass die Ehe zerrüttet ist, dass  sie  immer  in

der Angst lebt, Ted könne sie verlassen, darüber spricht sie nicht. Im Oktober bewahrheiten sich ihre Befürchtungen: Ted Hughes beginnt eine Affäre mit der Poetin Assia Wevill, zieht zu ihr nach London. Sylvia, tief gekränkt, verlässt das gemeinsame Haus und geht mit den Kindern ebenfalls nach London.

Nach der Trennung ist sie produktiv wie nie zuvor. "Von Ted getrennt zu leben, ist herrlich, ich stehe nicht länger in seinem Schatten." Jeden Morgen steht sie um vier Uhr auf und schreibt, es entsteht der Gedichtband "Ariel", in dem Sylvia Plath ihre kindlichen Traumata, den Tod des Vaters, den Hass auf die Mutter, verarbeitet. Ihr erster Roman "Die Glasglocke" erscheint im Januar 1963 unter dem Pseudonym Victoria Lucas.

Dann, der 11. Februar 1963, ein eiskalter Montagabend: Sylvia Plath bringt die Kinder zu Bett, stellt ihnen Milch aufs Nachtkästchen, geht in die Küche und steckt den Kopf in den Gasofen. Ted Hughes, der erst mehrere Jahre nach dem Selbstmord wieder Gedichte schreibt, schweigt 35 Jahre lang, wehrt sich nicht gegen die Vorwürfe, er sei schuld an ihrem Tod. 1998, kurz vor seinem Tod, veröffentlicht er "Birthday Letters", Gedichte über das Leben mit Sylvia Plath. Sein Text zu ihren "Ariel"-Gedichten liest sich wie eine Liebeserklärung, lässt keinen Zweifel daran, dass er sie für eine bedeutende Dichterin hielt. Er schreibt: "Die Gedichte sind wie sie. Alles, was sie tat, war wie Ariel, und Ariel ist wie sie - nur, dass die Gedichte bleiben."

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