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Bedrohte Großbürger mit Wunderbub vor Alpenpanorama: Szene mit Nicola Alaimo (Tell), Enkelejda Shkoza (Hedwige) und einem leider namenlosen Kinderdarsteller. 

ROSSINI-PREMIERE

Tobias Kratzers „Wilhelm Tell“ für Lyon: Sündenfall in Schwarz-Weiß

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Es ist Tobias Kratzers nächster Streich nach seinem Bayreuther „Tannhäuser“-Coup - und fällt komplett anders, reduzierter, abstrakter aus. Die Premierenkritik zu „Wilhelm Tell“ in Lyon:

Lyon/München - Diesmal bleiben wir in der Pause drinnen. Einfach, weil anders als neulich in Bayreuth draußen keine Dragqueen tanzt und singt. Angesichts des aufgerissenen Pflasters, der Baustellen am Opernhaus von Lyon und der sich zwischen Säulen und U-Bahnstation vorbeidrückenden Nachtschwärmer hätte Le Gateau Chocolat auch gar keine Plattform gefunden – im Konzept des Regisseurs erst recht nicht. Tobias Kratzer steht auch dort auf dem Besetzungszettel, man hätte es nach seinem sommerlichen „Tannhäuser“-Coup beinahe nicht geglaubt.

Der Mann ist nicht zu fassen, erfindet sich mit jeder Inszenierung neu. Wo andere im Stil erstarren, probiert es der Niederbayer mit seinem ständigen Ausstatter Rainer Sellmaier mal ganz von der anderen Seite. Soll im aktuellen Rossini-Fall heißen: kein Spektakel, keine Videos, keine Überblendungen von Stück-Historie, Regie-Ort und Handlung, dafür „Wilhelm Tell“ als radikal reduzierte Sache in einer weitgehend schwarz-weißen, abstrakten Nicht-Schweiz.

Eine Tat unter München-Verdacht

Jede Tat des Intendanten Serge Dorny, der 2021 von Lyon an die Bayerische Staatsoper wechselt, steht ja unter München-Verdacht. Auch Kratzer soll eine Rolle spielen, erzählt wird vom Regie-Auftrag für eine Uraufführung. Fast ständig ist Dorny derzeit mit seiner neuen Aufgabe beschäftigt. Offiziell entlocken lässt er sich nichts. Dass er – auch – auf Kontinuität setzt, zeigte die Vertragsverlängerung von Ballettchef Igor Zelensky. Gleichwohl weiß Dorny, dass er Kulinariker mit Star-Kost bedienen muss. Und trotzdem gibt es Neujustierungen, auch unbekannte Namen: Was man in Lyon als riskante Verpflichtung verbuchen könnte, ist in Wahrheit die Tat eines genauen Marktbeobachters, der sich vom gerade Angesagten nicht beirren lässt.

Auch Daniele Rustioni, der sich in Partituren werfende Lyoner Chefdirigent, dürfte an der Isar den einen oder anderen Gastauftrag bekommen. An der Rhone dirigiert er Rossinis letzte Oper so, wie es sein soll: als Scharnierwerk zwischen fein balancierter Belcanto-Eleganz und musikdramatischem Muskelspiel. Eine erhebliche Energiezunahme bedeutet das im Laufe der vier Akte, die nur mit marginalen Kürzungen gespielt werden. Keine Sekunde zu viel ist das, das hervorragende Orchester wagt sich bis an Grenzen vor, der Chor singt und spielt am Premierenabend in Weltklasse-Form.

Was man auf der Bühne sieht, ist ein Gruß aus der Werkstatt Peter Konwitschnys. Kein Wunder, Kratzer arbeitete für „Wilhelm Tell“ mit dessen Dauer-Dramaturgin Bettina Bartz zusammen. Das Prinzip des Großmeisters greift auch hier. Eine einzige Idee wird über die vier Stunden entwickelt und durchgeführt. Glasklar, nachvollziehbar, stringent. Kratzer zeigt ein Bürgertum, das dem Chorgesang frönt und dem Orchesterspiel. Kunstsinnige, von der Muse Geküsste, deren Alltag von weißgekleideten Schlägertypen ohne Schirm, Charme, dafür mit Melone bedroht wird. Es gilt, die Kultur zu verteidigen, was man auf alles andere, nicht nur aufs gemeinsame Musizieren beziehen darf.

Instrumente werden zu Waffen

Dieser „Tell“ ist eine Parabel vor Alpenpanorama, über das sich immer mehr schwarze Farbe ergießt. Die Ballettnummern, fantasiereich und augenzwinkernd von Demis Volpi choreografiert, sind Kommentar und nahtlos verschmolzenes szenisches Element. Man schmunzelt, wenn sich zum Rütli-Schwur die Männer, streng nach Orchesterfraktionen getrennt, zusammentun: die Streicher aus Unterwalden, das Holz aus Uri, das Blech aus Schwyz. Mathilde, Prinzessin der verhassten Habsburger, möchte ihrem Schweizer Verehrer Arnold unbedingt gefallen. Dass sie dafür dessen Musenwelt als Glitzer-Diva betritt und das Liebesduett vom Blatt singt, zeigt: Von ursprünglich gelebter Kultur versteht sie anfangs gar nichts.

Kratzers Bild-Idee trägt nicht jede Szene. Wo es um Hochpolitisches, Existenzielles geht, wirkt das Konzept vor der Pause passagenweise eine Nummer zu klein. Irgendwann zerstören die Schweizer ihr Heiligstes, aus Instrumenten werden Waffen. Und wir lernen, dass man Tells Armbrust am besten aus einem Fagott und Teilen einer Geige bastelt. Berührend sind die Szenen mit Tells Sohn, der von einem sehr jungen, sehr glaubhaften Buben gespielt wird. Dass der (leider) Namenlose nicht singt, ist egal: Kratzer erfindet für die Musiknummern eine große Schwester in Gestalt von Jennifer Courcier dazu.

Auffallend lyrisch und damit sehr stilbewusst ist dieser „Wilhelm Tell“ besetzt. Angefangen von Nicola Alaimo, der sich nicht durch die Rolle dröhnt, sondern das Gebrochene des Titelhelden hörbar macht, über Jane Archibald (Mathilde) mit quecksilbrigem Koloratursopran bis zu John Osborn, der seinen Tenor mit unverspannter Mezzavoce und klug dosiert durch die extreme Arnold-Partie gleiten lässt. Am Ende ist das Bergbild schwarz, und die verdatterten Schweizer haben ihren Sündenfall hinter sich: Wenn’s darauf ankommt, so die frustige Erkenntnis, hilft sogar Musensöhnen und -töchtern nur die Vergeltung.

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