1. Startseite
  2. Kultur

„Tod auf dem Nil“: Darum enttäuscht Kenneth Branaghs Remake!

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Katja Kraft

Kommentare

Szene aus „Tod auf dem Nil“ mit Armie Hammer und Gal Gadot als Frischvermählte, und Regisseur und Hauptdarsteller Kenneth Branagh
Zwar überzeugen etwa Armie Hammer und Gal Gadot (Mi.) als Frischvermählte, doch hat Regisseur und Hauptdarsteller Kenneth Branagh (re.) die Geschichte mit zu viel Moral und Pathos aufgeladen. © Rob Youngson/Disney

Kenneth Branagh hat Agatha Christies Krimi-Klassiker „Tod auf dem Nil“ neu verfilmt. Doch kommt das Disney-Remake nicht an die erste Verfilmung mit Sir Peter Ustinov aus dem Jahr 1978 heran.

Vielleicht hatte diese Neuverfilmung von Anfang an keine Chance bei allen, die das Original von 1978 kennen. Wobei, das stimmt nicht. Denn Kenneth Branaghs erstes Remake einer geliebten Agatha-Christie-Adaption goutierte man als Kinokritikerin durchaus. Sogar mehr als das: Voller Begeisterung urteilte man damals, 2017, über Kenneth Branaghs „Mord im Orient Express“ : „Der Vorgänger wirkt gegenüber dem Neuling wie eine juckelnde Regionalbahn gegenüber dem Transrapid.“ Um bei derartigen Vergleichen zu bleiben, muss man zu Branaghs nun startender Neuverfilmung von „Tod auf dem Nil“ leider sagen: Der Vorgänger wirkt gegenüber dem Neuling wie ein reißender Strom gegenüber einem dümpelnden Rinnsal.

„Tod auf dem Nil“ spielt im Studio in London

Wobei man dem 61-jährigen Briten, der wieder die Regie und zugleich die Hauptrolle des Detektivs Hercule Poirot übernimmt, nicht vorwerfen kann, er habe nicht alles in Sachen prächtiger Ausstattung getan. Allein: Es ist zu viel des gut Gemeinten. Wer „Tod auf dem Nil“ von 1978 mochte, der schaut enttäuscht auf das Schiff, das diesmal die Kulisse für drei Morde bietet. Die sauber polierten Planken, die nie auch nur einen Tropfen Nilwasser abbekommen haben, weil sie im Studio in London verlegt wurden, haben nichts von dem Charme der alten Bretter auf dem Schaufelraddampfer der Verfilmung vor 40 Jahren. Wie berichtet, wurden viele Szenen des Original „Tod auf dem Nil“ damals auf der SS Sudan gedreht, auf der auch Agatha Christie die Inspiration zu ihrem Krimi fand. Es ist fraglich, ob sie angesichts der neuen Hochglanzoptik genauso fasziniert gewesen wäre.

Zwar sind Gal Gadot und Armie Hammer als frisch verliebtes und ebenso frisch verheiratetes Paar überzeugend, ebenso Emma Mackey als intrigante Ex-Verlobte, die den beiden in die Flitterwochen folgt. Doch leider nehmen Branagh und Drehbuchautor Michael Green das Schlusszitat aus der ersten Verfilmung zu ernst: „Die große Ambition der Frauen ist die Ermutigung zur Liebe“, heißt es da nach Molière. So ist „Tod auf dem Nil“ von 2022 weniger ein faszinierendes Detektivspiel als eine moralisch aufgeladene Abhandlung über Liebe und Freundschaft.

Eine bekannte Figur aus „Mord im Orient Express“ kehrt zurück

Es beginnt schon damit, dass wir Poirot in einer Rückblende im Schützengraben erleben, später verwundet im Lazarett. Er ist kein über den Dingen stehender, genau analysierender, französisch sprechender („belgischer!“) Beobachter wie ihn einst Sir Peter Ustinov so einnehmend verkörperte, sondern ein Mensch mit (nicht nur seelisch) tiefen Narben, der selbst die Liebe gekannt und verloren hat. Damit Poirot noch mehr von diesen Gefühlen zeigen kann, wird ihm mit der bereits aus dem „Mord im Orient Express“ bekannten Figur des Bouc (Tom Bateman) ein Freund an die Seite gestellt. Weil Bouc verliebt ist in die schwarze Sängerinnentochter Rosalie Otterbourne (Letitia Wright), wogegen wiederum seine Mutter Einwände hat, die ihrerseits Poirot für Ermittlungen über Rosalie eingeschaltet hat, gerät das Filmschiff in immer undurchsichtigeres Gewässer, eröffnen sich lauter Nebenflüsse von Rassismus über Vertrauensbruch bis Eifersucht. Das zerstört den eigentlichen Strom der Geschichte und lenkt von Christies so kunstvoll inszeniertem Fall ab.

Das Ensemble der „Tod auf dem Nil“-Verfilmung aus dem Jahr 1978 unter anderem mit Sir Peter Ustinov, Mia Farrow und Maggie Smith.
Das Ensemble der „Tod auf dem Nil“-Verfilmung aus dem Jahr 1978 unter anderem mit Sir Peter Ustinov (hinten 4. v. li.), Mia Farrow (vorne 2. v. li.) und Maggie Smith (hinten 3. v. re.). © Ullstein

In einer der ersten Szenen sitzt Hercule Poirot in feinem Zwirn mit Toast, gekochten Eiern und silbernem Teeservice in der ägyptischen Wüste vor den Pyramiden. Dieses Karikatureske hätte man durchaus beibehalten dürfen. Doch jede Zeit bekommt die Filme, die sie verdient. Dieser hier bietet schöne glatte Bilder, schöne glatte Menschen, schöne glatte Kostüme. Viel Pathos und Gefühl. Viel Gerede darüber, was Menschen bereit sind, für die Liebe zu tun (Danke, wir hätten es auch so verstanden). Und viel politische Korrektheit. Dr. Windlesham (Russell Brand) beispielsweise kündigt zum Schluss an, dass er nun nach Westafrika gehe, um Menschen zu helfen. Sehr anständig. Doch leider auch a bisserl langweilig. Schade.

Auch interessant

Kommentare