Der Tod, das Kind und die Paare

- Ene mene Muh, und raus bist Du. So muss sich Anja Hilling gefühlt haben, als "Monsun" im September in Köln uraufgeführt wurde. Als sie, wie sie später erzählte, ihr drittes Stück kaum wiedererkannte und, gerade zur Nachwuchsdramatikerin 2005 gekürt, in der Luft zerrissen wurde. War "Mein junges idiotisches Herz" (Kammerspiele, März 2005) eine Eintagsfliege? Ene mene Meck, und Du bist weg?

Die talentierte Anja Hilling ist zum Glück noch da. Während am Wiener Burgtheater gerade ihr fünftes Stück vorbereitet wird, hatte nun "Monsun", das sich um den Verlust eines Kindes dreht, in der Inszenierung Roger Vontobels im Werkraum der Münchner Kammerspiele Premiere. Ein "Stück in fünf Akten", das auch heißen könnte "Stück in zahllosen kleinen Szenen, an vielen Orten und mit poetischen Regieanweisungen". Hatte "Mein junges idiotisches Herz" noch eine übersichtlich-kammerspielartige Handlung, so mutet "Monsun" in seiner Weitläufigkeit eher wie ein Filmdrehbuch an. Kein Kinderspiel für den jungen Regisseur, der sich häufig in die Form des Kinderspiels rettete - wozu der Text durchaus Anlass gibt - und also auf der Bühne ein Kinderzimmer mit Stühlchen und Pferdetapete bauen ließ (Petra Winterer).

Dazwischen werden die Schauspieler in ihren Erwachsenen-Rollen plötzlich so klein, dass sie manches kindisch veralbern, anderes aber mit kindlicher Naivität umso klarer und größer erzählen. Ein Junge läuft Melanie ins Auto und stirbt. Sie selbst war unaufmerksam, dachte an die Trennung von Coco. Bruno, Vater des Kindes und TV-Serien-Autor, flirtet unterdessen mit seiner Assistentin (Anna Böger). Während sich die Paare - Mutter und Vater, Melanie und Coco (Tanja Schleiff) - trennen und jeweils ein Teil das Weite sucht, kommt der Vater trotz assistierender Affäre um die Trauerarbeit nicht mehr herum. Regisseur Vontobel verkürzte und verdichtete mutig und geschickt. Und er legte dem Drehbuchautor Bruno, der den Verlust des Sohnes später in einem Film verarbeiten will, die Regieanweisungen in den Mund, was das Stück mal als Rückblick, mal als Horror-Szenario Brunos erscheinen lässt. Paul Herwig spielt diesen Vater vortrefflich, schafft es, die halbherzige Affäre genauso glaubwürdig wirken zu lassen wie seine schmerzende Liebe zu Paula. Und Caroline Ebner gibt die tapfere, sybillinisch lächelnde, wiedererstarkende Mutter.

Auch wenn man diesen Stil - Diktiergerät, Videoeinblendung, schrille Improvisation, Durchbrechen der Illusion - nun schon zum Verwechseln oft im Werkraum gesehen hat: Vontobel beherrscht sein Handwerk, amüsiert und brüskiert seine Zuschauer über weite Strecken. Und vielleicht gelingen ihm einmal noch mehr große Szenen wie die Liebesnacht des Vaters mit der Assistentin im Jugendbett des Sohnes, die noch obszöner dadurch wird, dass dieser Sohn tot ist und der Vater, weiß Gott, jetzt woanders sein sollte. Ätschi, könnte man auf gut Kinderdeutsch der Kölner Inszenierung entgegenhalten. Die in München jedenfalls hat bewiesen, dass Anja Hillings fein gezeichnete, bewusst nicht eindeutig ausgemalte Stücke auf der Bühne zu faszinierenden Bilderbögen werden können. Trauerarbeit im Kinderzimmer: Paul Herwig als Vater; hinten Anna Böger als seine Geliebte.

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