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Das Märchen als Fernseh-Show: Thomas Loibl (Kalaf), Rainer Bock (Kaiser), Ulrich Beseler (Pantalon) und Lisa Wagner als Turandot (v.li.).

Das Todes-Quiz

München - Amüsant: Jens-Daniel Herzog inszenierte fürs Münchner Residenztheater Schillers Version von „Turandot“.

„Nessun dorma“ – Robert Joseph Bartl gibt im „Altoum-TV“ den Paul Potts. Puccinis Gänsehaut-Arie aus seiner Oper „Turandot“ (1924) läuft im Küchen-Fernseher des Asylanten Kalaf, der sich als Tellerwäscher in „Peckin“ durchschlägt. Regisseur Jens-Daniel Herzog, der sein Handwerk einst an den Dieter-Dorn-Kammerspielen gelernt hat, verlegt Friedrich Schillers Version von Carlo Gozzis Märchenspiel „Turandot“ (1762) konsequent in unsere Fernsehwelt. Diese zweistündige Quiz-Geschichte hatte am Freitagabend im Münchner Residenztheater Premiere.

Goethe und Schiller, so informiert uns der sehr gute Programmheft-Artikel von Dramaturg Georg Holzer, wollten das Weimarer Publikum im Hoftheater mit einem aussagekräftigen Querschnitt durch das europäische Dramen-Schaffen bekanntmachen. Nachdem sich Schiller von einer starken Frau („Die Jungfrau von Orléans“ 1801 vollendet) abgewendet hatte, nahm er sich Zeit für die nächste, die Femme fatale Turandot. Mit diesem weithin unbeachteten Stück unternimmt das Bayerische Staatsschauspiel seinerseits einen Streifzug durch die Landschaft der Bühnenhistorie. Zumal schon Gozzi versucht hatte, die alten Figuren der Commedia dell’Arte zu integrieren: Wenn bei Schiller Truffaldin der Sklavenaufseher ist, ist er bei Herzog der Aufnahmeleiter (Alfred Kleinheinz) der Frageshow „t o t – Tod oder Turandot“. Prinz Kalaf, der vertriebene Herrscher von Astrachan, ist also der neue „Slumdog Millionär“.

Er will sein Schicksal durch die Sendung wenden. Gewinnt er bei der Rätselstunde gegen Turandot, in die er verknallt ist, kaum dass er sie auf der Mattscheibe gesehen hat, bekommt er nicht nur sie, sondern auch das Kaiserreich. Wen stört es da, wenn schon zehn Vorgängern die Köpfe abgeschlagen wurden? Denn „t o t“ ist wirklich ein Todesspiel. Herzogs Idee geht in der Tat auf. Ein pfiffiger Bühnenspaß, zumal das Theater dem Konkurrenten Fernsehen eins auswischen kann. Mathis Neidhardt nutzt hierfür perfekt die Drehbühne: Kalafs Arbeitsplatz fährt weg, und es tuen sich bei Bedarf TV-Studio, Garderobe, Duschen oder Turandots beziehungsweise Kalafs Zimmer im Palast auf. Das ist so geschickt gemacht, dass immer klar wird: Schäbigkeit und Glamour gehören unauflöslich zusammen, der schöne Schein ist nur billig zusammengezimmert. Zugleich lässt Herzog wie Gozzi (1720-1806) und Schiller (1759-1805) dabei die Brüche des Märchens stehen, bügelt nichts glatt: Komik und Grausamkeit, Weisheit und Schlichtheit krachen unvermittelt aufeinander.

In all dem ist Thomas Loibl der ruhende Pol. Er gibt dem Prinzen Kalaf die nötige Portion Naivität des unantastbaren Helden, zugleich die Souveränität des intellektuell Überlegenen und des wahrhaft Liebenden. Loibl zeichnet ihn als den Echten in einer Welt, die aus Fälschungen besteht. Ihm zur Seite nur noch Gerd Anthoff. Er verschaseinem Barak, einst Kalafs Haushofmeister, humoristische Feinheit und ein tapferes Herz, das sogar Folter erträgt. Lisa Wagner hat es schwerer mit dieser merkwürdigen Turandot (und wohl kaum Hilfe von der Regie). Schiller hat ihr einerseits einen herausragenden Emanzipations-Text in den Mund gelegt, andererseits ist sie Mörderin, Sklavenhalterin und lässt bedenkenlos Menschen quälen – um schließlich doch zu lieben. Wagner, der die eisigen Weiber ja liegen, hat immerhin ein paar prickelnde Szenen im Quiz-„Duell“ mit Loibl – stets Henker mit Doppelaxt und Pfarrer mit Brautschleier im Hintergrund.

Völlig verquer kommt Stephanie Leues Adelma daher. Der Regisseur wollte sie unsinnigerweise als Witzfigur, passend zum Schmunzel-Personal, das Ulrike Willenbacher, Peter Albers, Ulrich Beseler und Matthias Lier versiert geben. Aber bei Adelma – versklavte Prinzessin, Hassende, Liebende, Intrigantin – kann das nicht funktionieren. Kein Wunder, dass sich Leue verkrampft herumplagt. Da kann Rainer Bock wesentlich genüsslicher die Rolle des Kaisers ausschmücken. Mal schleimiger Medienmogul und Herrscher mit Berlusconi-Aura, mal jovialer Taktiker, der strategisch vernünftig seine Tochter endlich verheiraten möchte; schließlich bringt die Prinzen-Köpferei nur außenpolitische Probleme. Bock zeigt raffiniert schillernde Komik – bis hin zum Bohlen-Schlenker. Den verbalen Slapstick-Witz hingegen vertritt in diesem Reigen entzückend schusselig Helmut Stange als Kalafs Papa. – Herzlicher Applaus.

Simone Dattenberger

Nächste Aufführungen: 14., 23., 24., 30.7., Tel. 089/ 21 85 19 40.

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