Todes-Ständchen

- Zurück zu den Wurzeln führte die Reise, zu der Philippe Herreweghe und sein Collegium Vocale Gent das Publikum im Münchner Prinzregententheater einluden. Vier Kantaten von Bach, alle um das Thema des Todes kreisend, und eine kurze, vierstimmige, von fünf Solisten a cappella gesungene Motette von Johann Schelle standen auf dem Programm. Hohe Kunst also, die von Herreweghe und den flämischen Sängern und Musikern mit allem Wissen und Können meisterhaft und doch so natürlich gestaltet wurde, dass der Zuhörer sich weniger im Konzertsaal als am Ursprungsort dieser Werke, in einer Kirche, wähnte. So rückte das Publikum den Kantaten auch emotional nahe, tauchte ein in die barocke Religiosität, die in diesen Werken gepaart ist mit einer geradezu erwartungsfrohen Todessehnsucht: "Liebster Gott, wann werd ich sterben?" So der Titel der Kantate BWV 8, die zum Abschluss erklang.

Mit ihr präsentierte Herreweghe die ganze Fülle Bach‘scher Schöpferkraft: Bewundernswert, wie kunst- und sinnvoll Bach die aus heutiger Sicht oft arg naiven Texte als Chöre, Rezitative, Arien oder Choräle ausarbeitete, wie fantasievoll er sie instrumentierte. Ein wunderbar gesetztes Werk, von der Traversflöte (ebenso virtuos wie elegant geblasen) mit ihren schnellen Staccati und ihrer schwerelosen Beweglichkeit geprägt. Damit korrespondierte Sebastian \-Noacks flexibler, frischer Bass (Nr. 4, Aria) vorzüglich. In der von der Oboe d’amore umspielten Aria fragte der Tenor (Hans-Jörg Mammel) beinahe heiter: "Was willst du dich, mein Geist, entsetzen, wenn meine letzte Stunde schlägt?" Er hatte schon mit unprätentiöser Stimme die freudig bewegte Aria "Ach, schlage doch bald, selge Stunde" zu einem fast werbenden "Ständchen" gemacht. Unterlegt mit dem weichen Pizzicato der Streicher, gegen die sich die Oboen melodiös abhoben.

Aus den 16 Sängern des Collegium Vocale schälten sich die Solisten heraus, gefielen in ihrer natürlichen Schlichtheit; neben Tenor und Bass Dorothee Mields mit hellem Sopran und Matthew White mit zunehmend freier werdendem Altus, der emotional ansprang beim "Schlage doch, du letzter Stundenschlag" (Kantate "Komm, du süße Todesstunde"). Herreweghe und sein Ensemble wissen um die Fragilität dieser Kantaten-Gebilde, interpretieren sie in einem lebendigen, flüssigen Tonfall und leuchten genau aus, wie sensibel Bach mit seiner Musik die Texte transportiert.

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