30. Todestag: Eine Diva erschafft sich selbst - Neuerscheinungen um das Phänomen Maria Callas

- Offiziell lautete die Todesursache Herzattacke. Doch nach diesem zerrissenen Leben zwischen Glamour und falschen Freunden, zwischen Ovationen und Einsamkeit mochten die Fans daran nicht glauben. War es Medikamentenvergiftung? Oder gar Selbstmord? Was genau am 16. September 1977 geschah, ließ sich nicht mehr feststellen.

Vier Tage danach wurde die Leiche von Maria Callas eingeäschert und auf dem Pariser Friedhof von Père-Lachaise beigesetzt. Zwei Jahre später zerstreute man die Asche vor der Küste ihrer griechischen Heimat.

Völlig überrascht schien kaum einer vom Tod der Diva, der die Verlage anlässlich des 30. Jahrestags gerade zu Neuerscheinungen und vielen Wiederauflagen anstachelt. Am Ende führte die Callas in Paris das Dasein einer Einsiedlerin. Die Stimme, verbrannt durch eine in der Gesangsgeschichte singuläre Ausdrucksintensität, gehorchte nicht mehr. Von ihrem Mann Meneghini hatte sie sich 1966 scheiden lassen, zwei Jahre später heiratete der geliebte Onassis seine Jacqueline.

Noch 1969 sprach Maria Callas von einem Neustart. Ihr versehrter Sopran sollte neu aufgebaut werden, eine "Traviata" hatte sie bereits zugesagt. Doch wer das Interview mit französischen Journalisten auf der EMI-DVD "The eternal Maria Callas" sieht, der bemerkt die Resignation, auch den Trotz, der sich den Worten beimischt. Ein Jahr zuvor, im Gespräch mit dem devot fragenden Lord Harewood (ebenfalls auf der DVD), hatte sie sich als große Diva in Szene gesetzt.

Im geblümten Kleid, die Stichworte ihres Gegenübers huldvoll aufnehmend, jederzeit bereit, so schien's, ihn mit einem Fauchen aus dem Raum zu treiben. Was deutlich wird: Die Callas lebte, ob im Interview oder auf der Bühne, eine Existenz der Selbstinszenierung. Permanent, aber eben auch perfekt. Selbst ohne Kostüm, wenn sie, wie bei den Pariser oder Hamburger Konzerten, "nur" im Abendkleid, mit wenigen Blicken oder Körperdrehungen das Leid von Verdis Elisabeth oder die Gerissenheit von Rossinis Rosina nacherlebte.

Vor Augen und Ohren einer hingerissenen Weltöffentlichkeit hatte die Callas sich selbst erschaffen. Was so weit ging, dass sie sogar ihren Körper diesem eisernen Willen unterwarf: In der Saison 1953/ 54 hungerte sie sich von 92 auf 64 Kilo herunter. Umso kurioser mutet daher eine Neuerscheinung dieses Callas-Jahres an. "La divina in cucina" von Bruno Tosi (Südwest-Verlag, 29,95 Euro) widmet sich der Kochkunst der Künstlerin.

Obwohl die Callas nämlich strengste Diät hielt, war sie eine eifrige Köchin und Rezeptsammlerin. "Sie nahm nur gegrilltes Fleisch zu sich und rohes Gemüse ohne Zugaben", erinnerte sich ihr Ex-Mann Meneghini. "Weder Öl noch Salz, wie eine Ziege." Kam's ihn ihrem Hause zu Koch-Orgien, pflegte die Callas allenfalls zu naschen. Was der Leser dieses appetitlich bebilderten Buches lieber nicht tun sollte: "Risotto Mailänder Art", "Ravioli mit Krabben-Seezungen-Füllung" oder "Lende mit Ananas" laden dringend zum Genuss ein.

Ob ihre Hungerkur auch der Stimme Schaden zufügte? Der Schluss mag naheliegen. Doch bereits die frühen Aufnahmen künden von späteren Gefährdungen und Defekten. "Ich werde nicht die Partitur aus Bequemlichkeit meiner Stimme anpassen", hatte sie einst ihr Credo umrissen. Was hieß, dass die vokaldramatische Formung einer Figur, diese Gänsehaut erzeugende und schonungslose Wahrhaftigkeit Maria Callas allzu oft und schnell über Grenzen führte. Das ging, bei eigentlich nur 13 echten Karrierejahren, gerade mal sieben Spielzeiten gut.

Man höre dazu die klassichen Opern-Gesamtaufnahmen, die alle beim Exklusivlabel EMI erschienen. Auf stolzen 70 CDs wurden gerade "The complete Studio Recordings" neu aufgelegt. Für einen Gesamteindruck reicht aber durchaus die 8-CD-Box "Opera Highlights". Pro Scheibe ein Werkquerschnitt - etwa die niemals übertroffene, triumphale "Tosca", der atemverschlagende Thriller der "Lucia di Lammermoor", aber auch die späte, von Blessuren gekennzeichnete "Carmen" und natürlich ihre "Norma". Jene Partie, die von der Callas 90 Mal gesungen wurde - lediglich 500 Auftritte insgesamt waren ihr vergönnt.

Bei der EMI-"Norma" von 1960 machen sich, trotz der packenden Deutung, stimmliche Verhärtungen bemerkbar, die sie sieben Jahre zuvor noch kaum beeinträchtigt hatten. Der Vergleich mit ihrer ersten "Casta Diva"-Einspielung von 1949 verblüfft fast, nachzuhören auf "Birth of a Diva" (Warner). Eine CD, die auch Trouvaillen wie Isoldes Liebestod auf Italienisch bietet.

Vergleichen konnte und kann sich keine mit Maria Callas. Beeinflusst hat sie indes alle Kolleginnen. "Sie hat uns die Türen zu einer Terra Incognita der Musik geöffnet", formulierte es zum Beispiel Montserrat Caballé. "Es war eine fest verschlossene Tür, hinter der nicht nur die große Musik im Schlafe lag, sondern auch die großen Ideen für die angemessene musikalische Interpretation."

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