Todeszeichen in einer Märchenwelt

- Im Bayreuther Regie-Zirkel ist dieser "Lohengrin" seit Jahren ein Sonderling. Verkleinern andere Wagners Welten gern auf ein Allerweltsambiente, in dem entzauberte Normalos ihre Ränke schmieden, so behaupten Keith Warner (Inszenierung) und Stefanos Lazaridis (Bühne) trotzig und heuer letztmals: Da muss es noch etwas anderes geben. Einen symbolschwangeren, raunenden Kosmos, eine dunkle, nihilistische Märchenwelt, angefüllt mit Liebes-, Todes- und Kriegszeichen. Eine Ästhetik, die unverholen mit Pathos und Tableau-Reihungen arbeitet - und wohl gerade deshalb das Publikum so entzückt. Noch dazu, wenn frühere Wiederaufnahmen zum Sängerfest gerieten.

Kein keuscher Gralsritter

Das freilich gab's dieses Mal erst nach Anlaufschwierigkeiten. Und sollte sie auch die Süße ihres Timbres und die Ausstrahlung zur Ideal-Elsa adeln, so ist Petra-Maria Schnitzer hörbar im Aufbruch. Den sicheren lyrischen Hafen hat sie verlassen, ist aber noch nicht beim Dramatischen angekommen. Der Stimme droht dadurch Attraktivitätsverlust, vor allem, wenn sie große, expansive Phrasen riskiert, in denen Substanz und Intonation gefährdet sind. Am deutlichsten im ersten Akt, später, im wie hingezauberten Liebesduett und bei den imponierenden finalen Ausbrüchen, hatte sie sich wieder unter Kontrolle.

Aber auch ihrem Mann Peter Seiffert merkt man als Lohengrin die Tristan- und Tannhäuser-Erfahrung an. Nur bewältigt er, nach einer Einschwingphase, die Situation anders. Seiffert gibt eben nicht den keuschen Gralsritter, sondern den robusten Helden. Einen alles verdrängenden Recken, der seinen Tenor zwar reduzieren und dabei fast zärtlich gestalten kann, um im nächsten Moment aber mit Strahlkraft das Auditorium flächendeckend zu beschallen. Lohengrin also auf entwaffnenden 150 Prozent, vom Publikum mit hier seltenen Standing Ovations bedacht, vor denen Seiffert auf die Knie sank.

Es blieb bei der stücktreuen Hierarchie: hier das gefeierte, hohe Paar, die Fieslinge dann mit kleinem Abstand auf Rang zwei. Denn Hartmut Welkers diffus kraftmeiernder Telramund ließ anfangs Schlimmes befürchten, was sich aber ab dem Mittelakt einpegelte. Und Linda Watson protzte mit üppigen, meist textfreien Sopran-Entladungen. Bei der Ortrud mag das als Expression durchgehen, für die Brünnhilde, die sie ab 2006 in Tankred Dorsts Bayreuther "Ring" singen wird, braucht's allerdings deutlich mehr Differenzierungslust. Relativ blass blieb Roman Trekel (Heerrufer), der inzwischen die Quittung für sein Überdrucksingen bekommt.

Ein Bayreuth-übliches Wunder an Prägnanz und satter Phonstärke war der von Eberhard Friedrich einstudierte Festspielchor.

Drunten im Graben schien es unterdessen, als habe Wolfgang Wagner das Orchester austauschen lassen. Dabei stand, einen Tag nach dem am "Tristan" scheiternden Eiji Oué´, nur Peter Schneider am Pult. Den mag nun weniger der Hauch des Genialischen umwehen. Aber abgesehen von manchen Chorszenen, die im Sicherheitstempo buchstabiert wurden, offerierte Schneider eine stringente und sängerfreundliche, hochsolide und handwerklich probate Deutung, die sich im Finale spannend steigerte. In Momenten also, für die das Duo Warner/Lazaridis auch die unwiderstehlichsten Bilder fand. Und sollte da mancher Kitschgefahr wittern: Man wird diesen "Lohengrin" vermissen.

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