Todeszeitplan gestoppt

- Es ist Gedankensplittermusik. Eine Komposition. Aus Worten. Von der Decke hängen 15 Lampen und Leuchter, die gehen an und aus, spielen Lichtorgel, gerichtet nach den Stimmungen der zehn Szenen, der sechs Figuren darin. Die sind Freaks, Psychos, an Einsamkeit erkrankte Kreaturen - Menschen, die sich in einem Mietshaus über den Weg laufen.

<P>"Mein junges idiotisches Herz" ist das zweite Stück der 29-jährigen Anja Hilling. Seit 2003 studiert sie "Szenisches Schreiben" in Berlin; für ihr Debüt "Sterne" wurde sie beim "Stückemarkt" des Theatertreffens 2003 ausgezeichnet. Sie ist die erste Autorin, die von der Kammerspiel-Autorenwerkstatt - auch mit weitergehenden Veranstaltungen - im Werkraum präsentiert wird, eine Handarbeiterin unter Fließbanddramatikern, entdeckt beim zweiten Dramatikerwochenende der Kammerspiele im Oktober.<BR><BR>Anja Hillings optimistisches Stück<BR><BR>"Ihr Kopf ich kenn das gut. Ist ein Blutbunker. / Weil unten Krieg ist im Körper." Hilling dichtet. Eine Situation, sechs Variationen. Eine junge Frau will sich das Leben nehmen, "den absolut attraktiven Todeskampf hinlegen", doch  ein kaputtes Rohr undein Paket aus Australien hindern sie daran. Katharina Schubert steht da in ihrem türkisen Abendkleid und bittet trotzig um die Einhaltung ihres tragischen Zeitplans. Doch zur falschen Zeit geschieht Karins Begegnung mit den Menschen. Den Finger in den Hals und die Tabletten wieder raus - denn es gibt sie doch, die, die einen schön finden.<BR><BR>In Daniela Kranz' Inszenierung besitzen die tragikomischen Figuren zu ihrer psychischen Hemmung auch eine physische: Anna Bögers beigefarbene Paula trägt Kopfhörer, damit sie auf dem trägen Gang zum Mülleimer niemand anspricht; bei (dem für Jochen Striebeck kurzfristig eingesprungenen) Matthias Bundschuh zittert nicht nur die psychopathisch sanfte, kurzatmige Stimme des Hausmeisters Zarter; Wolfgang Preglers Sandmann steht lebensüberdrüssig gebeugt, schlurft, albträumt sich nach Australien, wo er Nacht für Nacht eine Frau umbringt.<BR>Um einen kleinen, funktionslosen Container herum ordnen sich die Gegenstände auf Frauke Löffels geräumig sauberer Bühne: ein Telefon, ein Herd, ein Plastikstuhl, ein Waschbecken, eine Toilette und eine Mülltonne, beide mit Hall, spricht man hinein. Auf weiß gebeiztem Holzfußboden das Stationendrama eines IKEA- Ausstellungsraumes. Hillings Dialoge sind meist Erzählung, das geschickt gesponnene Netz aus zweimal erlebter Rede im Monolog. Die Paare auf der Bühne benutzen ihr Gegenüber, um über sich selbst zu reflektieren. "My young and foolish heart", sang Doris Day. "Mein Herz ist ein Stones-Konzert", findet Robert Dölles Postbote Hase, und Michael Tregor, der als schlaksig treudoofer Miroslav die Getränke liefert, verrenkt sich in heftigen Drohgebärden gegen die Lieblosigkeit.<BR><BR>Dass die Kammerspiele das Programmblatt der Werkstatt-Reihe mit einem blau-weiß-roten Luftpostrand versehen haben, mag heißen: Achtung, diese Dramatiker hat der Himmel geschickt! Vielleicht ist die so dringend erwartete Sendung guter neuer Stücke ja tatsächlich angekommen. Den Anfang haben Hilling und Kranz mit einem erfrischend optimistischen, jungen und ganz und gar nicht idiotischen Herzstück jedenfalls gemacht.</P>

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