Tödliche Umarmung

- Der eine Zyklus: ein verzagter Auszug aus dem Dorf in die Einsamkeit, der zum eisigen Zusammentreffen mit dem Leiermann führt. Der andere Zyklus: die scheue Begegnung mit der Angebeteten, die - da erfolglos - in eine melancholische Hingabe an die Natur mündet. Oder sind Franz Schuberts Liederkreise "Die Winterreise" und "Die schöne Müllerin" doch zwei Varianten desselben Schicksals? Oft ist das erörtert worden. Und wer Fritz Wunderlichs legendäre, unbekümmerte "Müllerin" im Ohr hat, mag nicht glauben, dass der Held dieser Reise womöglich demselben Ziel entgegensteuert wie der Winterwanderer, wenn der Bach ihn am Ende in tödlicher Umarmung "Gute Nacht" wünscht. Thomas Quasthoff lässt daran keinen Zweifel.

Schon wieder also eine "Schöne Müllerin"? Die Intensität dieser Deutung, die tief reflektierte Konsequenz, die einen nicht - wie bei Wunderlich - als Liebe aufs erste Hören erreicht, rechtfertigt die CD. Das Kecke des ersten Stücks ist bald außer Hörweite. Kein munterer Bach murmelt da als Klavier-Grundierung, eine innere Unruhe beeinflusst fast jede Station dieser "anderen Winterreise".

Die Deutung bricht mit Klischees

Nur wenige Aufhellungen verzögern die Unausweichlichkeit des Geschehens. Nuancen der vergeblichen Hoffnung scheinen in "Der Neugierige" auf. Auch wird das "Dein ist mein Herz" von "Ungeduld" expressiv forciert, klingt nicht nach befreiter Hingabe. Dazu passt Quasthoffs Angewohnheit, die Stimme selten locker auf dem Atem gleiten zu lassen. Durch den besonderen Nachdruck seiner Tongebung mischt sich ein unebener, bebender Klang in den Vortrag. Der weicht erst in der schmucklosen Linearität von Nummer 19. Doch da ("Tu die Augen zu") ist es für den Wanderer bereits zu spät.

Eigentlich schrieb Schubert "Die schöne Müllerin" für Tenöre, die Transposition zum Bassbariton führt automatisch zur Eindunkelung. Vor allem im Klavierpart: Justus Zeyen, mit dem Quasthoff den Zyklus in einer idealen Symbiose durchlebt, stützt den Gesang mit unaufdringlicher Finesse. Eine CD also, die mit manchen "Müllerin"-Klischees bricht - und die Thomas Quasthoffs singuläre Stellung untermauert.

Franz Schubert: "Die schöne Müllerin". Thomas Quasthoff, Justus Zeyen (Deutsche Grammophon).

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