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Ihr Traummann: Mara Widmann als Amalia von Edelstein und Max Wagner als Pin-up-Boy Karl Moor.

Tödliches Männer-Geflecht

München - Sebastian Kreyer inszenierte für das Münchner Volkstheater „Die Räuber“ nach Friedrich Schiller. Lesen Sie hier die Premierenkritik.

Rund zehn Jahre nach Christian Stückls „Räuber“-Inszenierung an seinem Haus, dem Münchner Volkstheater, lässt er jetzt Sebastian Kreyer hin: an jenes ungebärdig tobende, heftig philosophierende Sturm-und-Drang-Stück von Friedrich Schiller (1759 bis 1805). 1781, in Zeiten von Rokoko, Aufklärung und der Vor-Revolutionphase ein Schocker. Wir Heutigen müssen uns in dem ungenierten Pathos erst einmal zurecht- und mit dem ungenierten Willen zur Gewalttat abfinden. Himmelhoch jauchzender Geniekult, sadistischer Nihilismus stürzen hier sprach-protzig ineinander. Damals einfach ein Hammer – in unserer Gegenwart ziemlich „uncool“. Das Doppelwesen des „Räuber“-Dramas bringt denn auch die Inszenierung (drei Stunden mit Pause) ins Wanken.

Kreyer (Jahrgang 1979), der bereits Ibsens „Gespenster“ fürs Volkstheater gestaltet hat, untertitelt seine Arbeit vorsichtshalber mit dem Hinweis „nach Friedrich Schiller“. Und doch ist er dessen Faszination erlegen, wie man der Inszenierung immer mal wieder anmerkt. Aber sich dem 22-jährigen Dichter so richtig an die Brust zu werfen, das wagt Kreyer nicht. Männerspiele ja, nicht jedoch mit der Räuberhorde. In erster Linie geht’s um Papa und seine zwei Söhne Karl, den erstgeborenen Liebling, und Franz, den Schlimmen. Deswegen wird in der Mini-Ouvertüre auch nettes Brüdergerangel im Rücken von Vater Moor gezeigt. Da wirkt die Fallhöhe gleich viel schrecklicher, wenn im Anschluss ans Gebalge Franz den Vater so manipuliert, dass er den – abwesenden – Schlamper-Studenten Karl verstößt, und wenn der Bösewicht in seinem ersten großen Monolog zynisch-raffiniert an den Grundfesten der Ethik rüttelt.

Oliver Möller ist als Franz lange das Zentrum der Aufführung, die Matthias Nebel in ein Bühnenbild aus mickrigen Versatzstücken eines Schlosses und moderner Wohnungen positioniert. Die Wälder sind entsprechend mit Riesenschwammerl, Holzpaletten und ausgestopften Viechern markiert. Viel Verfremdungseffekt also, wohl zu viel. Denn sowohl Oliver Möller als auch Max Wagner, der als Karl den zweiten Teil dominiert, fremdeln sehr in ihren Rollen. Durch Kreyers zwiespältigen Ansatz verlieren sie zum Teil den Zugang zu ihrer jeweiligen Figur. Erst zum Ende hin, wenn die Seelenfetzen bloßliegen, wagen die Schauspieler Gefühl. Und sofort ist das Interesse an ihren Charakteren größer.

Die beiden haben natürlich damit zu kämpfen, dass der Regisseur die Moors, die Männer, unbedingt klein machen will. Bloß keinen strahlenden Genius Karl, bloß keinen gigantischen Untäter Franz, bloß keinen aufrechten alten Grafen und Vater. Ironie wird mittels Schlager und Rock zwischen Nina Hagen und Dean Read – also im gelinden Herzschmerz-Modus – der Familienaufstellung aufgepfropft, und man bietet gleichzeitig ein bissl leichte Unterhaltung für Schiller-Gestresste. In diesem Inszenierungsumfeld vermögen Wagner und Möller nicht die Herzen ihrer Figuren zu retten. Paul Faßnacht versucht das erst gar nicht, sondern gibt den Vaterzausel als eine Art Widergänger von BAP-Niedecken. Nur Mara Widmann als Amalia, einzige Frau in dem tödlichen Männer-Geflecht, schafft es, Kreyers Spöttel-Ideen zu bedienen und zugleich das Innerste ihrer Person wahrhaftig, innig, überzeugend zu spielen. Sie wird von Kostümbildnerin Maria Roers in allerhand hässliche Klamotten aus der Pop-Branche gesteckt und bewahrt ihrer Amalia doch Würde. Und man glaubt ihr einfach ihre unerschütterliche Liebeskraft, die Schiller den Männern in all seinen Stücken nicht zutraut. Ähnlich intensiv wirkt auf der Bühne nur noch Jakob Geßner als Rest-Räuber.

Je weiter das Stück fortschreitet, umso unsicherer wird Kreyer. Er merkt, dass Effektchen wie die Luftballon-Karussellpferde, Burschen in langen Unterhosen (Gähn!!!) oder Erdnussflips-Geschmeiße öde und die Songs schlichtweg zu viele sind und schwenkt auf Schillers Argument-Kraftpakete ein. Da hätte er allerdings mehr mit Wagner und Möller nachdenken, sprechtechnisch üben und gestalten müssen. Kein Wunder, dass der Schluss der teils zähen Inszenierung ebenfalls vage bleibt.

Simone Dattenberger

Nächste Vorstellungen

am 24./25. 1., 1./2. Februar; Telefon 089/ 523 46 55.

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