Ein tödliches Signal

- "Und das von einem Mann, der sich anschickt, Präsident des Deutschen Bühnenvereins zu werden!" Kunstminister Hans Zehetmair (CSU) reagiert empört auf die im Kulturausschuss beschlossene Maßnahme der Stadt München und ihres Oberbürgermeisters Christian Ude (SPD), zukünftig den Geldhahn zuzudrehen auch jenen Institutionen, an denen der Freistaat partiell oder hauptsächlich beteiligt ist.

<P>Zuerst zu den Münchner Symphonikern, deren Zuschüsse die Stadt 2005 ganz einstellen wird und damit das Ende des Orchesters billigend in Kauf nimmt. Den Freistaat kann das nicht ungerührt lassen, ist er doch als Mit-Geldgeber in die Belange dieses Orchesters involviert.<BR><BR>Zehetmair: "Dass es dieses renommierte Orchester nicht mehr geben soll, dass die Stadt es so einfach die Isar hinunterschwimmen lässt, kann ich mir nur schwer vorstellen. Es wäre die erste Kultureinrichtung in Bayern, die geschlossen würde. Anstatt alles daran zu setzen, die Kultur in gebührender Position zu halten, setzt die Stadt ein fatales Zeichen."<BR><BR>Staatlicherseits kann der Minister versichern: "Wir halten unseren Zuschuss für die Symphoniker aufrecht, auch im Jahr 2005." Heuer wieder in der Höhe des Jahres 2001 - das sind 1,683 Millionen Euro. 2002 war die Summe wegen der extremen Kosten durch BSE-Krise und 11. September gesenkt worden.<BR><BR>Die Sparankündigungen der Stadt haben Bayerns Kunstminister nicht nur betroffen, sondern auch höchst ärgerlich gemacht. 1999 habe er mit dem damaligen Münchner Kulturreferenten Julian Nida-Rümelin einen Stufenplan vereinbart, der die Subvention der Symphoniker bis 2005 auf ein Verhältnis von 50 zu 50 festschreibt. </P><P>Was aber jetzt münchnerseits erfolgt, sei ein Abrücken von festen Vereinbarungen zwischen Stadt und Staat. Und auch das musste Zehetmair - "das ist einfach schlechter Stil" - aus der Zeitung erfahren: die Kürzung der städtischen Subvention für die staatlichen Musiktheater. Aber: "Ich plane keinen Rachefeldzug. Dazu ist mir die Kultur viel zu wichtig."<BR><BR>Wer zahlt hier was?<BR> <BR>Bei den Kammerspielen ist der Freistaat mit lediglich 130 000 Euro beteiligt und zwar seit Mitte der 70er-Jahre, nachdem der Bayerische Rundfunk bei der städtischen Bühne ausgestiegen ist. "Diese Summe steht nicht zur Debatte", so Zehetmair. Ebenso wenig wie die Zuschüsse fürs Kammerorchester, die städtischen Festivals Dance, Spielart und Musiktheater-Biennale. Scharf von sich weist er aber Udes im Kulturausschuss geäußerten Vorwurf, der Freistaat würde sich ständig aus zugesagten Vereinbarungen verabschieden oder sie nur reduziert einhalten. </P><P>Zehetmair: "Ich kenne keinen einzigen Punkt, wo ich mich zurückgezogen hätte. Bei so einer Behauptung muss Ude schon Ross und Reiter nennen. Ich mag manchmal stur sein, aber unzuverlässig - das war ich nie."<BR>Keine Retourkutsche. Aber der Stadt die Rechnung aufmachen, ohne dass er auch kassieren wollte, das möchte Hans Zehetmair nun doch einmal öffentlich tun. </P><P>Da sie keine eigenen Musiktheater hat, zahlt sie für die staatlichen Musikbühnen einen Zuschuss von 6 851 300 Euro; davon gehen eine Million Euro ans Gärtnerplatztheater, der große Rest an die Bayerische Staatsoper. Zehetmair: "Diese Summe ist seit 1987 unverändert." Allerdings: Damals betrug der Staatsopernzuschuss insgesamt 52,1 Millionen Mark; 2002 lag er bei 101 Millionen Mark beziehungsweise 50,55 Millionen Euro. </P><P>Der Gesamtzuschuss fürs Gärtnerplatztheater betrug 1987 27,4 Millionen Mark; 2002 lag er bei 49 Millionen Mark beziehungsweise 24,9 Millionen Euro.<BR><BR>Zehetmair selbstbewusst: "Die 380 000 Euro, um die die Stadt München jetzt ihren Zuschuss kürzen wird, die bringen mich nicht um. Aber dass sie damit ein arrogantes Signal setzt und eins, das die Kooperation zwischen Stadt und Staat aufkündigt, das ist das große Ärgernis und insgesamt ein schlimmer Vorgang. Ein tödliches Signal."<BR><BR>Absage an Kammerspiele<BR> <BR>Das betont der Minister nicht zuletzt auch eingedenk seines eigenen, oft erbitterten Kampfes im Bayerischen Landtag gerade für die kulturellen Investitionen in der Landeshauptstadt, was ihm nicht selten den heftigen Protest mancher Abgeordneten aus Franken einträgt.<BR><BR>Nein, mit der Kündigung staatlicher Zuwendungen wird Zehetmair nicht zurückschlagen: "Ich will doch nicht die Kultur bestrafen." Die einzige Reaktion, die er sich momentan erlaubt, ist symbolischer Art: "Ich habe meine Zusage zur Eröffnung der Münchner Kammerspiele am kommenden Sonntag abgesagt." </P><P>Er wolle nicht mit Menschen feiern, die ein Orchester schließen. "Ich will nicht, dass die Symphoniker sagen können: Die Stadt und der Staat haben uns aufgegeben. Aber ich kann nicht alles auffangen, das gäbe einen Aufschrei draußen im Land."</P>

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