Töne von Angst und Verachtung

- Auch wenn man das abgegriffene Wort nicht schätzt, trifft es hier doch zu: Pop-Ikone. Kurt Cobain wurde, kaum hatte er 1991 beim Geffen-Label unterschrieben, zum Idol, weit über die Anhänger des Grunge hinaus, zum Idol der Jugend der 90er.

<P>Drei Jahre lang erlebte er seinen Ruhm und den um ihn veranstalteten Kult. Erlebte, wie er von einer Gesellschaft vereinnahmt wurde, die ihn, wie er glaubte, nicht verstehen konnte. Am 8. April 1994 schoss er sich mit einer Schrotflinte in den Kopf. Er war 27 Jahre alt.<BR><BR>Warum er sein Leben beendete, ist Thema zahlreicher Interpretationen. Cobain erregte bereits Aufmerksamkeit, als er die Karriere mit seiner Band Nirvana begann. "Freud für Arme" spottete er, wenn er über sich las, er könne mit seinem Erfolg nicht umgehen. Man muss vorsichtig sein, um diesen "Freud-für-Arme"-Deutungen nicht aufzusitzen, wenn man sich mit den Tagebüchern des Kurt Cobain befasst, die gerade in deutscher Übersetzung erschienen sind. </P><P>Und es sind Sätze wie diese, die nach Erklärungen suchen: "Manchmal frage ich mich, ob ich nicht gut und gerne der glücklichste Junge der Welt sein könnte." Da hatte Kurt Cobain mit dem Album "Nevermind" mehrere Millionen Dollar eingespielt. Und in diesem Zeitraum heiratete er Courtney Love, einige Monate später kam die gemeinsame Tochter Frances zur Welt.<BR><BR>Die Antwort auf die Frage gibt er sich selbst nicht. An dieser Stelle in seinen Tagebüchern ist Glück ohnehin ein scheinbar unerreichbarer Gemütszustand geworden. Was vor diesem Punkt in der deutschen Version zu lesen ist, die mit Faksimiles und Teilübersetzungen arbeitet, ist eine kluge Zusammenstellung von Eintragungen, die keineswegs ein eindimensionales Bild Cobains zeichnen: Es beginnt mit Briefen und Notizen über die Anfänge von Nirvana; die Suche nach einem geeigneten Drummer, den Cobain als Sänger und Gitarrist und sein Partner und Bassist Chris Novoselic schließlich in Dave Grohl fanden; die Suche nach einem Label, das sie für ihr erstes Album Bleach 1989 in dem regionalen Sub-Pop fanden; die musikalischen Vorbilder; die ersten Auftritte; die Entwürfe für Promo-Texte, Songtexte.<BR><BR>Daneben finden sich auch Zeichnungen von Cobain, kurze Bildsequenzen, der Entwurf für eine Gitarre oder ein Spickzettel mit Verkehrsschildern für die Fahrten im Tourbus. Und dann mischen sich die Töne der Wut, der Verachtung, des Leidens, der Angst dazwischen, eingebunden in Kommentare und Reflexionen über Musik, die Gesellschaft, die Medien, sich selbst. <BR><BR>Und immer wieder Heroin und seine Schmerzen im Magen. Dass fast alle Eintragungen undatiert sind und die Herausgeber ihre Erläuterungen auf ein Minimum beschränkt haben, lässt die Original-Dokumente für sich sprechen. Und bietet die Möglichkeit, ein kleines Stück von dem zu erahnen, wer Kurt Cobain war.<BR><BR>Eines wird er bleiben: eine Pop-Ikone. Und das hat er gewusst, wenngleich er es nur zynisch kommentierten konnte: "I'll be able to sell my untalented, very ungenius ass for years based on my cult status (Ich werde dank meines Kult-Status' noch jahrelang meinen untalentierten, sehr ungenialen Arsch zu Markte tragen)." Das sollte nicht geschehen, er schrieb diesen Satz knapp ein Jahr vor seinem Tod.</P><P>Kurt Cobain: <BR>"Tagebücher" <BR>Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. <BR>320 Seiten, 19,90 Euro.<BR></P>

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