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Der Retter naht: Prinzessin Aurora alias Dornröschen ( Rita Bar ão Soares) und Davide Di Giovanni als Prinz Désiré.

Ballett-Kritik

"Dornröschen" im Gärtnerplatztheater

München - Am Gärtnerplatztheater: Der neue Ballettdirektor Karl Alfred Schreiner choreographierte sein „Dornröschen“. Lesen Sie die Ballett-Kritik.

Und wieder musste sich das Münchner Gärtnerplatztheater auf seiner mehrjährigen Wanderschaft – eröffnet wird das renovierte Haus, wenn’s gut geht, 2015 – einen Spielplatz von null auf hundert neu einrichten. Diesmal die Reithalle für den ersten Ballettabend des neuen Ballettdirektors Karl Alfred Schreiner. Er entschied sich für eine eigene, gestraffte Version von Piotr Tschaikowskys „Dornröschen“, die ihm Julia Müer mit ihrem auf wenige variable Elemente reduzierten Bühnenbild geschickt einrichtete. Alfred Mayerhofer gab die farbprächtigen Kostüme dazu und Rolf Essers das atmosphärisch dichte Licht.

Schreiners Handschrift: Er will starke Gefühle, exzessiven Ausdruck, erfindet Bewegungen aus der Taille heraus mit akrobatisch verdrehten Armen und Beinen. Die bei Vandekeybus studierten harten Fall-Übungen hat er schon an sein Männer-Ensemble weitergegeben. Aber geschont wird keiner. Auch die Mädchen müssen sich in rasendem Tempo auf den Boden schleudern lassen und tun das völlig unerschrocken. So geht die Geschichte in einem tollen Tempo los. Kein hohler Moment – der kommt erst im zweiten Teil bei der endlos ausgewalzten Dornenhecken-Szene, die von einer Gruppe Tänzer im Netztrikot dargestellt werden.

So wirkt Musik auf unseren Körper

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Schreiner hat Humor. Seine Arbeit ist unterhaltsam. Immer wieder lacht man über einen kleinen spritzig-ironischen Einfall – der bei Petipas Ur-Choreographie undenkbar wäre. Trotzdem hat man den immer wieder vor dem inneren Auge, wenn etwa die Musik des „Blauen Vogels“ kommt – bei Petipa ein virtuoses Glanzstück – oder der Grand Pas de deux. Den bringt Schreiner zwar auch, aber der qualitative Abstand zu Petipa ist immens. Dafür atmet er hier, im Gegensatz zum kühlen, artifiziellen Petipa, den Ausdruck glühender Liebe. Und darauf kommt es Schreiner an. Er will näher an die Personen herankommen, Hass und Liebe, Verzweiflung und Wut: Der König (Marc Cloot) wirft sich auf den Boden und bearbeitet ihn mit einem Fäuste-Trommelfeuer. Alles soll plastisch und nachvollziehbar herauskommen. Und vor allem soll das 16-jährige Dornröschen nicht nur Objekt in Händen anderer sein, sondern seine Entscheidungen, vor allem die eine: für den richtigen Mann (den schönen, technisch versierten Davide Di Giovanni), selber treffen.

Das tut die herbe Rita Bar ão Soares sehr überzeugend. Und die Königin (die imponierende Aina Clostermann) – in dieser Version kinderlos, darob verzweifelt, sodass sie der schwangeren Haushälterin Carabosse (stark: Natalia Palshina) das ihre abkauft – macht die Angst um die Liebe ihres Manns als Motiv so klar, dass sie im Publikum Sympathien sammelt.

Die 20 Tänzer der Company sind in ungezählten Rollen unterwegs. Besonders komisch der Hofnarr, Gestiefelte Kater, winzige 7. Zwerg (weil er die Schuhe über die Knie gestülpt und die Unterschenkel weggeklappt hat): Matteo Carvone. Am Pult des Orchesters, unsichtbar auf der Hinterbühne, verschafft Marco Comin sich und Tschaikowsky gebührend Gehör. In diese unterhaltsame Vorstellung kann man Kinder mitnehmen.

Weitere Vorstellungen

in der Reithalle an der Münchner Heßstraße 132 bis 3. 2.; Tel. 089/21 85 19 60.

Von Beate Kayser

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