Sieg und Liebe betören im Traum den Prinzen: Mara Widmann als Prinzessin Natalie, Robin Sondermann als Prinz von Homburg und Jean-Luc Bubert als Kurfürst (r.).  Foto: SILKE RÖSSNER/ picturesberlin

Ein tolles Husarenstück

München - Mareike Mikat inszenierte fürs Münchner Volkstheater „Prinz Friedrich von Homburg“ nach Kleists Drama

Frechheit siegt. Das weiß nicht nur Prinz Friedrich von Homburg, General der „Reuterei“, der für Preußen eine Schlacht gegen die Schweden gewinnt, indem er einen Befehl missachtet. Nein, das weiß auch Mareike Mikat, die am Münchner Volkstheater jetzt ein tolles Husarenstück lieferte. Ihre präzise, schwungvolle Inszenierung des „Prinz von Homburg“ frei „nach Kleist“, die den Befehl der Werktreue missachtet, ist in einem bizarr-schönen Bühnenbild (Marie Roth) angesiedelt: Ein roter Strick mit Schlinge hängt von der Decke. Vorne rechts steht ein Turm, wo hinter Spitzengardinen der Gitarrist Moritz Krämer in einem niedrigen Verschlag sitzt und herrlich kitschige Lieder singt. Bis endlich hunderte Gummibälle, die wie Kanonenkugeln aussehen, in den kahlen schwarzen Bühnenraum herunterprasseln.

In diesem Setting irgendwo zwischen (Kriegs-)Spielwiese, Gruft und verklemmtem Spießer-Idyll exerziert die erfolgreiche Nachwuchsregisseurin erst mal einen schrägen Soldaten-Ulk. Da sieht man Männer und Frauen mit schicken historischen Uniformen, eine fidele Gurken-Truppe in Preußischblau - und mit olivgrünen Bundeswehr-Helmen. Da wird mit übertriebenen Gesten salutiert und marschiert. Da wird gebalgt, geküsst, Trompete geblasen, die Schlacht beginnt, eine Reiter-Attacke kommt als Stepptanz daher, der das ganze Theater erbeben lässt, Nebel wallt über die Bühne, und Kanonendonner hört sich an wie das Gewummer im Techno-Club. Aber die Inszenierung erschöpft sich eben gerade nicht in dieser saukomischen Preußen-Parodie und Militär-Klamotte. Denn plötzlich kippt die Stimmung um: In den Szenen, wo der als Sieger gefeierte, aber wegen seines Ungehorsams gleichwohl verurteilte Prinz von Homburg in Todesangst auf seine Hinrichtung wartet, schlägt uns der kalte Schwall der Tragödie entgegen. Gerade im Kontrast zum Stechschritt-Slapstick entfalten Kleists betörende, jetzt texttreu gesprochene Blankverse ihre ungeheure, ergreifende Wucht.

Robin Sondermann, der in der Titelrolle erst den verträumten Schelm und Kompaniekasperl gab, zeigt nun die nackte Verzweiflung eines Menschen, der sich seiner Sterblichkeit bewusst wurde. Um aber das Wechselbad der Gefühle perfekt zu machen, gibt’s unvermittelt wieder eine Klamauk-Einlage, wenn als Wahnvision(?) des Prinzen ein schwedischer Nebenbuhler mit blauer Ikea-Tasche auftritt, der ein Billy-Regal und Knäckebrot mitgebracht hat für Natalie, die heimliche Verlobte Homburgs.

Das Happy End, das bei Kleist vorgesehen ist, wurde im Volkstheater allerdings mit einer geballten Ladung Daunen, die überall herumflattern, wegkartätscht und tragisch umgedeutet. Hier scheint der Prinz tatsächlich seiner Hinrichtung entgegenzugehen, nachdem er deren „Berechtigung“ eingesehen hat, während seine geliebte Natalie (schön wandlungsfähig: Mara Widmann) in ein offenes Grab versinkt - aus dem dann dunkelviolette Luftballons wie Todes-Seifenblasen aufsteigen. Aber die Regisseurin hat das Werk nicht an solche erschreckend brillanten Effekte verraten. Vielmehr gelingt gerade mit den vielen suggestiven Bildern, die sie auf die Bühne zaubert, eine eigenwillige Deutung des Dramas, das jetzt zwischen surrealem Albtraum und Farce changiert. Eine Deutung, die auch deshalb so erschütternd wirkt, weil sie die wahnwitzige Kant’sche Gedankenkälte sichtbar macht, die in dem Stück lauert, und konsequent zu Ende führt. Und die Kleist am Ende auffallend abrupt in patriotische Hurra-Harmonie auflöste. Aber der berühmte Schluss-Satz „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs“ ist in dieser Inszenierung gestrichen.

Nächste Vorstellungen am 2., 3., 11., 12. Juli; Karten: 089/ 523 46 55.

Von Alexander Altmann

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