Tollwood-Kritik

ZZ Top: Bluesrock mit Drehzahl

München - Ein gewisses Interesse für Blues und Rock vorausgesetzt, gehören ZZ Top definitiv zu den Bands, die man einmal im Leben gesehen haben muss. Gelegenheit dazu bot sich am Dienstag auf dem Tollwood. Die Kritik:

Im August erscheint ein Live-Greatest-Hits-Album, wobei eine Band wie ZZ Top eigentlich keinen Anlass braucht, um einfach mal vorbeizuschauen. Seit 1969 kümmern sich Billy F. Gibbons, Dusty Hill und Nicht-Bartträger Frank Beard um die drehzahlfreudigere Variante von Bluesrock und ebenso lang halten ihnen ihre Fans die Treue. Jede Wette, dass sich das Publikum zu einem hohen Prozentsatz aus den gleichen Leuten zusammensetzte wie vor zwei Jahren, als die „little ol’ band from Texas“ das „Tollwood“ zuletzt beehrte.

Damals entfesselten die legendären Wüstenrock-Bartkäuze einen Phon-Orkan, der geräuschvoll durchs Zelt fegte. Die Mixtur aus satter Lautstärke und kraftvollem Boogie-Rock ließ zwar bisweilen fürchten, die Schädelbasis könnte Schaden nehmen. Andererseits ist offenbar genau diese Kombination von elementarer Bedeutung für das Gesamtkunstwerk „ZZ Top“. Dieses Mal nämlich fehlte dieses körperliche Element völlig – der Sound im ausverkauften Zelt war eher verhalten und alles andere als griffig.

Was die stylishen Herren in Hut, schwarzem Glitzer-Zwirn und Sonnenbrille allerdings musikalisch ablieferten, bleibt über jeden Zweifel erhaben. Das Trio arbeitet dicht an dicht und setzt auf Teamarbeit statt auf Soloeskapaden. Wobei bei einem so begnadeten Blues-Gitarristen wie Billy Gibbons sogar ausufernde Soli zum Genuss werden: Er hat mehr Gefühl im Ringfinger als diverse gutbezahlte Bluessuppen-Aufwärmer in der ganzen Hand. Dass Bassist Dusty Hill bisweilen wegen den Folgen einer Schulterverletzung vom Bass auf ein Bass-Keyboard auswich, verlieh dem Bandsound eine interessante Facette.

Was die Songs anging, setzte man ganz auf die Devise: Hits, Hits, Hits. Und da haben ZZ Top ein paar im Ärmel: „Jesus Just Left Chicago“, „Gimme All Your Lovin’“,, „Sharp Dressed Man“, „Legs“, „La Grange“ oder „Tush“ machten das Publikum glücklich – Kenner schätzten die gelungenen Cover von „Foxy Lady“ aus der Feder von Gibbons’ Förderer Jimi Hendrix und den Blues-Klassiker „Catfish Blues“ in einer langsamen, schwer groovenden Version.

Mit der Mischung aus knorrigem Bluesrock und glitzernder Show, bei der bisweilen auch Plüsch-Gitarren und einstudierte Minimal-Synchron-Choreographien zum Einsatz kommen, haben sich die drei Gentlemen aus Texas eine einzigartige Nische geschaffen. So etwas nennt man zu Recht Klassiker, den man eigentlich nicht oft genug sehen kann. Beim nächsten Mal aber dann bitte wieder mit ordentlich Dampf auf dem Kessel.

Christoph Ulrich

Rubriklistenbild: © dpa

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