Tollwood-Oper: Fantasien ausleben

- "Es war einmal…" ­ unter diesem wohlig schaurige Märchen verheißenden Motto steht das Münchner Winter-Tollwood, das heute mit Engelbert Humperdincks Oper "Hänsel + Gretel" eröffnet. Allerdings nicht in seinem zwischen Volkslied und voluminöser Oper schwelgenden spätromantischen Kuschel-Grusel-Gestus von 1893. Die Partitur wurde von Komponistin Helga Pogatschar zu einer Kammermusik verschlankt. Dirigentin ist Eva Pons. Sebastian Hirn, mit seiner einfühlsamen Regie zu Koltès' "Kampf des Negers und der Hunde" 2005 fürs Münchner Volkstheater aufgefallen, inszenierte das Märchen ohne Lebkuchensüße als eine Geschichte über das Erwachsenwerden.

Regie-Studium am Wiener Max-Reinhardt-Seminar, bei Luc Bondys Inszenierung von Tschechows "Die Möwe" sein Regie-Assistent. Eine prägende Erinnerung?

Sebastian Hirn: Sein spielerischer Zugang, etwas, was uns Deutschen oft fehlt. Probe oder nicht oder schon Probe, das war nicht eindeutig, im positiven Sinn. Er hatte so eine Methodik, Dinge zu umkreisen, 40 Variationen für eine Szene zu finden. Mitschreiben bei ihm war schwierig.

Schon mit 17, 18 wussten Sie, dass Sie Regisseur werden wollten. Hatte das Elternhaus etwas damit zu tun?

Hirn: Ich bin sehr früh viel ins Theater gegangen, mit meiner Großmutter. Eine Intellektuelle. Sie hat in den 20er-Jahren über Jugendstrafrecht promoviert. Mein Urgroßvater war Bildhauer. Das Haus war voll von Skulpturen und Lithografien. Daher wohl auch mein Interesse am Bildnerischen. Bilder und der Raum, das ist eigentlich mein Zugang ­ was allerdings oft Schwierigkeiten mit sich bringt, zu Abänderungen zwingt. Meine Probebühne jetzt ist nur ein Achtel der Tollwood-Zeltbühne...

…auf der sich zudem riesige kahle Hügel erheben.

Hirn: Mit dem Verzicht auf Streicher fällt das Romantisch-Plauschige in der Musik weg. Deshalb auch kein Wald mehr. Die Berge, da denkt man an Zarathustra, der ins Gebirge geht, einen Grenzbereich außerhalb der Zivilisation.

Also keine Geschichte von Besenbinderkindern auf Beerensuche.

Hirn: Was mich interessiert, ist das Weggehen von Zuhause, das Ausleben von Fantasien, die man in der Familie nicht ausleben darf. Das ist ja ein Gesellschaftsfaktor, diese Zielgerichtetheit heute. Das Humboldtsche Ideal des Studierens um des Studierens willen gibt es nicht mehr. Alles wird gemessen am sichtbaren praktischen Nutzwert. Das Scheitern ist in unserer Gesellschaft nicht akzeptiert. Aber Scheitern kann eine wichtige Erfahrung sein… Bei Grimm ist das Märchen ja auch noch ein Entwicklungsroman. Die Kinder haben die Hexe in den Ofen geschoben und kehren nach Hause zurück, bringen den Eltern ihren Erfahrungsschatz. Bei Humperdinck ist es umgekehrt. Da kommen die Eltern zu den Kindern in den Wald mit einer Moralbotschaft, dringen eigentlich in deren Fantasieraum ein.

Sie haben bereits "Così" von Mozart inszeniert und eine Händel-Oper. Jetzt ein Kontrastprogramm?

Hirn: Humperdinck ist realistischer. Wenn bei ihm steht, "Nimm den Eimer", dann ist das praktisch auch in der Musik drin. Text und Musik sind eng aufeinander bezogen. Das sind dann für den Regisseur Timing-Probleme. Bei Händel kann man Bilder finden für das, was die Musik ausdrückt oder auch konterkarieren, also assoziativer arbeiten.

Das Gespräch führte Malve Gradinger

Bis 31. 12., Karten: 0700-38 38 50 24.

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