Tollwood-Auftakt: Flattern im Bauch

- "Weißt du noch, wie's angefangen hat, mit einem Zelt und einer Hand voll Öko-Imbiss-Stände?" Man kann Gift drauf nehmen, dass Tollwood-Getreue diese Erinnerung jedes Jahr wieder hervorkramen - einfach schon aus Bewunderung heraus für das, was Tollwood-Gründerin und -Chefin Rita Rottenwallner mit ihrem Team aufgebaut hat: Inmitten einer riesigen Buden- und Zeltstadt ein - privat finanziertes! - Quer-durch Kunst-und-Entertainment-Festival (bis 11. Juli). Den Auftakt der Theater-Reihe machte soeben die belgische Compagnie Feria Musica mit "Le Vertige du Papillon" (Theater-Insel).

<P>Der euphorische Applaus war garantiert: Bei diesem "Taumel des Schmetterlings" kriegt man nochmal glänzend-staunende Augen wie zu Kinderzeiten im Zirkus, fühlt ein Flattern im Bauch, wenn Körper durch die Zeltkuppel fliegen. Wenn weiße Bälle so gefügig elegant über Arme und kahle Schädel gleiten oder, so noch nie gesehen, quasi ein Duett tanzen zwischen zwei gemütlich nebeneinander hockenden Jongleuren und eine tollkühne Amazone an ihrem "tissu aerien", einer tief herabhängenden Stoffschlinge, in wild schaukelndem Flug die irrwitzigsten Figuren modelliert und Luft-Pirouetten dreht.<BR><BR>Aber Zirkus wäre für Rita Rottenwallner ja nicht genug. Ihr ist es zu verdanken, dass man über all die Tollwood-Jahre hierorts die moderne Entwicklung dieses artistischen Genres zum "cirque nouveau" hautnah mitverfolgen konnte. Hellhörig im Trend der Zeit hat sich der "Neue Zirkus" immer subtiler grenzgängerischer Mittel bedient. Was die Belgier hier vorführen, ist ein musikalisch-tänzerisch-zirzensisches Gesamt-Spektakel - zwischen Trapez-Gerüst und geschickt dreigestufter Bühne komplett durchgestaltet von Fatou Traoré, die schon 1998 mit eigener, pointiert Musik-bezogener Tanz-Produktion bei der Salzburger Sommerszene zu sehen war.<BR><BR>Durchgestalten heißt auf postmodern allerdings: eine bewusst chaotische Struktur entstehen lassen. Und da wird die Wahrnehmung ganz schön gefordert, wenn diese sieben Allrounder hoch oben durch die Luft sausen, unten im Hintergrund an Kletterstangen kreisen und hochkrabbeln. Dann auch noch von einem leicht versenkten Trampolin wie Springteufel aus dem Orkus emporschnellen. Und immer wieder im Break- und Stuntman-Stil - wie man ihn etwa vom belgischen Choreographen-Kollegen Wim Vandekeybus kennt - über die breite Bühnen-Rutsche rollen, gleiten und stürzen. Alles so hingetollt aus jugendlicher Kraft und Spiellust. Das Beiläufige, das Unartifizielle des Artifiziellen ist Programm.<BR><BR>Dabei passieren Traoré und der Truppe auch ein paar (mit nachdrücklicher choreographischer Arbeit sicher vermeidbare) Längen, die jedoch relativ gut aufgefangen werden von der ausgezeichneten Band. Fein orientiert auf die jeweiligen Aktionen, schafft sie soghafte Klangräume, in denen sich, zwischen Jazz, Pop und Ethno, auch vier eigenständige Musiker zu Gehör bringen. Sehenswert ist dieser "Papillon" allemal, der am Ende mit Riesenflügelschlag über die Leinwand segelt.</P><P>Noch an diesem Samstag, 19.30 Uhr; vom 21. bis 25. 6. die komische Ruhrpott-Gruppe Flöz mit ihrem neuen Maskentheater "Teatro Delusio"; vom 26. bis 30. 6. die Franzosen Le petit travers mit poetischem Cirque Nouveau (beide Theaterinsel). Bis 30. 6. der Solo-Zirkus-Artist Johann le Guillerm mit "Secret" (Cirque-Ici-Zelt neben Theaterinsel). </P><P>Tickets 0700/ 38 38 50 24.</P><P>- zum großen Tollwood-Special auf Munich online<BR><BR></P>

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