„Der Film ist unglaublich gut recherchiert“ , urteilt unsere Fachfrau. In „Toni Erdmann“, dem deutschen Kandidaten für die Oscar-Verleihung am 26. Februar, spielt Sandra Hüller (Mi.) die Unternehmensberaterin Ines. Foto: Verleih

„Toni Erdmann“ geht ins Oscar-Rennen:

Der Kandidat im Faktencheck

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„Toni Erdmann“ geht ins Oscar-Rennen – ein Gespräch mit einer Unternehmensberaterin über die Welt, in der er spielt.

Seit gestern, 14.18 Uhr, steht es fest: „Toni Erdmann“ ist offizieller Kandidat in der Kategorie „Bester nicht-englischsprachiger Film“ bei den Oscars 2017. Ein Goldjunge für die einstige Studentin der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF), Maren Ade? Verdient hätten sie und ihr zauberhafter Regie-Streich es. Ein dreistündiges Drama mit so viel Witz, Intelligenz und Gefühl für Wahrhaftigkeit zu entwickeln – den Mut und das Gespür wie Ade haben viel zu wenige. Doch apropos Wahrhaftigkeit: Wie authentisch ist sie denn tatsächlich, die Geschichte, die uns die 40-Jährige in ihrem selbst verfassten Drehbuch erzählt?

„Der Film ist unglaublich gut recherchiert“, sagt Julia T. Die junge Frau, die lieber anonym bleiben möchte, muss es wissen. Mit ihren gerade einmal 28 Jahren arbeitet sie bereits seit vier Jahren als Unternehmensberaterin. Wie die Karriere-orientierte Ines, die Sandra Hüller in „Toni Erdmann“ so unnachahmlich spielt, ist Julia blond, schlank, hat blaue Augen. Da enden dann aber schon die Gemeinsamkeiten. Die 28-Jährige hat nichts von der Krampfigkeit, mit der sich Ines selbst im Weg steht – und die ihren Vater Winfried (Peter Simonischek) zu, nun ja, unkonventionellen Maßnahmen bewegt. „Okay, dass der Vater verkleidet als Lebenscoach einfach in den Firmengebäuden der Kunden auftaucht, das ist schon etwas unrealistisch“, räumt T. lächelnd ein. „Die meisten Klienten vergeben Hausausweise, ohne die man die Gebäude gar nicht betreten kann.“ Ansonsten aber sei es ein Film, der der Wahrheit des Unternehmensberater-Umfelds sehr nahe kommt, findet die junge Frau.

Immer in Bereitschaft

Ihr erster Blick am Morgen fällt Tag für Tag aufs Smartphone. „Das ist ein bisschen wie Bereitschaftsdienst bei Medizinern. Aber es ist nicht ganz so schlimm wie bei der Ines im Film. Sie hängt ja nur am Telefon“, sagt Julia, die selbst von „Brutto- und Nettoarbeitszeit“ spricht. „Netto“ arbeitet sie täglich zehn bis elf Stunden im Büro, „brutto“ kämen dann noch das Mailen und Telefonieren und am Laptop-Sitzen in der eigentlichen Freizeit hinzu. „Wenn ich abends um 20 Uhr auf ein Abendessen eingeladen bin, kann es dann schon sein, dass ich noch schnell ein paar Mails schreiben muss.“

Für den energiegeladenen Sonnenschein kein Problem. Unser Gespräch läuft auch nur via Telefon, sie hetzt gerade zu einem Meeting. Anders als Ines im Film lebt sie nicht in der Stadt, in der ein Projekt betreut wird, sondern fliegt dort für mehrere Tage hin, wohnt im Hotel und kann meist spätestens donnerstags zurück nach Hause. „Dass sie direkt in Bukarest lebt, spricht dafür, dass sie eher in einer kleinen Beratung arbeitet, dort werden die Flug- und Hotelkosten möglichst gering gehalten.“ Denn das Einsparen von Kosten sollten Berater schließlich beherrschen können. Julia T. stöhnt. „Ja, ich weiß, es heißt immer, dass wir nur die Buhmänner sind, die sich für andere die Finger verbrennen müssen. Sprich: Unbequeme Entscheidungen vor der Belegschaft verkaufen.“ Das stimme mitunter – dass die einzige Lösung aber das Kündigen von Jobs sei, wie es auch im Film thematisiert wird, bestreitet sie. „Das war vielleicht in den Neunzigern so. Wir haben in Deutschland einen so guten Kündigungsschutz, dass keiner mehr wie mit dem Rasenmäher drübergeht und sämtliche Jobs wegstreicht“, betont sie. „Umstrukturierung“, „Mitarbeiterverlagerung“, das seien heute die Zauberworte. „Und wenn gekündigt wird, dann erhält derjenige im Gegenzug einen Ausgleich. Außerdem“, sagt sie selbstbewusst, „muss man es doch so sehen: Wo zehn Prozent der Jobs wegfallen, da bleiben 90 Prozent bestehen!“

Macho-Sprüche prallen am Hosenanzug ab

Die sympathische Karrierefrau versteht ihren Auftrag. Sie kann sich durchsetzen. Gut, weil die Beraterwelt tatsächlich noch immer eine von Männern dominierte ist? „Ja, das stimmt schon, wie es im Film dargestellt wird: Auf den unteren Positionen gibt es zwar recht viele Frauen, weil man gerade als junge Berufseinsteigerin tolle Erfahrungen sammeln kann, auf den höheren Ebenen dünnt es dann aber recht schnell aus.“ Warum? „Das viele Reisen ist einfach kaum mit einem Familienleben vereinbar.“ Mit Macho-Sprüchen hat es T. zwar auch dann und wann zu tun, aber die lässt sie locker am Hosenanzug abprallen: „Ich sage den Jungs dann schon deutlich, wenn mir etwas nicht passt. Überdurchschnittlich sexistisch geht es bei uns allerdings nicht zu.“

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