Im Topf der Kreativität

- Carl Hanser (1901-1985) hatte bereits promoviert, als er in München ein Verlagslehre begann. Ab Herbst 1928 gab es dann einen kleinen Verlag mit seinem Name, der heute noch in Händen der Familie ist. Von Anfang an wurden Literatur und Fachbücher herausgegeben. In der NS-Zeit ruhte die belletristische Produktion, um in der Nachkriegszeit umso eindrucksvoller aufzublühen.

<P>Michael Krüger leitet seit Mitte der 80er-Jahre die viel beachtete literarische Sparte. Er prägt mit Klugheit und Charisma das Bild des Verlags als renommierte Kunst-Maschine. Der Fachverlag und die vielen Zeitschriften geraten dabei in der öffentlichen Wahrnehmung etwas in den Hintergrund. In diesem Herbst wird der Carl Hanser Verlag 75 Jahre jung.</P><P>Auf dem Herbst-Katalog steht "75 Jahre LesBar". Und Sie sind als Barmixer zu erkennen (Illustration Quint Buchholz). Liefert Hanser jetzt auch Getränke zum Buch? Bei Ulitzkaja einen trockenen Martini - oder so? </P><P>Krüger: Die Verbindung von Literatur und Alkohol ist eine sehr enge; viele Schriftsteller waren dem Alkohol verfallen. Das Rauschmittel hat dazu geführt, dass es eine gesteigerte Imagination gibt. Alkohol als Inspirationsquelle gehört zur Literatur dazu. Die "LesBar" ist der Versuch, das in einem Bild darzustellen.</P><P>Der Hanser Verlag feiert sein 75-jähriges Bestehen. Ist es in diesen Rezessions-Zeiten ein unbeschwerter Geburtstag oder eher ein Sich-Mut-machen?</P><P>Krüger: Wir alle, alle Bürger dieses Landes, sind mit der Tatsache konfrontiert, dass die fallende Ökonomie unser Leben beeinflussen wird. Das bedeutet, dass jeder, der etwas herstellt, überlegen muss, ob das Produkt auch angenommen wird. Für uns stellt sich die Frage: Können wir unser Programm mit unserer Zielsetzung weiterführen? Länger und intensiver werden wir uns über die Bücher unterhalten müssen - schon im Vorfeld. Der Hanser Verlag war immer unabhängig von solchen Tendenzen, die auf schnellen Umsatz zielen. So hoffe ich, dass wir jetzt mit einem blauen Auge davonkommen.</P><P>Die Gesellschaft hat sich verändert. Das wird hoffentlich Gegenstand von Büchern sein. Wir hatten eine lange Nachkriegszeit, bei der alle Problemfälle gut ausgingen. Jetzt ächzen sogar große Staaten wie die USA unter enormen Schulden. Wir dachten, im 21. Jahrhundert gäb's keine Kriege mehr; aber weiterhin wird Krieg geführt - und der ist teuer: All die Prognostik, die für die vergangenen 50 Jahre gegolten hat, muss sich also für die kommenden 50 Jahre wandeln. Damit wird aber auch der Umstand der Nachdenklichkeit befördert, und dafür muss man sich Zeit lassen. Das tun wir. Deswegen kann der Verlag den 75. mit gutem Gewissen feiern.</P><P>Wie sieht Ihre Strategie aus?</P><P>Krüger: Wir wollen weiterhin gute Bücher machen, die keine Zeit-Schrift sind, keine eskapistischen Texte. Wir fragen: für wen? Wie präsentieren wir die Bücher? Erreichen wir die möglichen Leser? Es geht nicht darum, Qualität zu vermindern, sondern zu vergrößern.</P><P>Gibt es Verbindungen zwischen den Verlagszweigen?</P><P>Krüger: Das ist ein Verlag mit einer Bilanz. Wenn ein Zweig schwächelt, sorgt der andere für Ausgleich. Carl Hanser hat den Verlag so gewollt, und das hat sich als gut erwiesen. Der Verlag ist unabhängig, er gehört der Familie Hansers, ist keine AG; zwischen uns Geschäftsführern und der Familie agiert sehr gut ein Aufsichtsrat von Fachleuten. </P><P>Hanser ist einer der wenigen Verlage, der noch nicht von einem Konzern einverleibt wurde. Wird es tatsächlich so bleiben? Kauf-Gerüchte tauchen immer wieder auf.</P><P>Krüger: Zunächst freut man sich, wenn man so begehrt ist. Das zeigt, dass wir es geschafft haben als mittelgroßes, schuldenfreies Unternehmen. Bisher und in absehbare Zukunft wird dem Wunsch des Gründers gefolgt, uns unabhängig zu lassen. Das fällt der Familie umso leichter, da alle Teile sich selbst ernähren können. Die Erweiterungen mit Zsolnay, Sanssouci, Nagel & Kimche haben sich gut entwickelt, Der Kinderbuch-Bereich ist eine stabile Größe. In der Reihe Hanser bei dtv haben wir außerdem das Fortleben unserer Bücher in der Hand und verkaufen nicht bloß Lizenzen.</P><P>Hätten Sie selbst gerne so angefangen wie Carl Hanser 1928, der einfach losgelegt hat?</P><P>Krüger: Man muss wissen, wie der angefangen hat: mit einem Buch; im nächsten Jahr wieder eines. Er hatte ein bisschen Geld von seiner Frau. Die Zeiten haben sich geändert. Wenn man heute keinen richtigen Vertrieb hat, tut man sich schwer. Wir haben so viel Glück mit den Eigentümern, die einfach wissen, dass sie uns machen lassen müssen. Alle, die hier arbeiten, sind lange da, dadurch können wir die Tradition weiterführen. Bei Hanser sind eigentlich alle Ideale eines mittelständischen Verlags verwirklicht. Jeder zahlt in den kreativen Topf ein, damit wir alle davon leben können.</P><P>Carl Hansers Credo war, der Verleger tritt hinter seinem Werk, also der Auswahl und Gestaltung von Büchern zurück. Sie selbst sind Verleger. Aber auch Autor. Wird man dadurch gegenüber den Kollegen milder oder strenger?</P><P>Krüger: Ich habe es immer als Bereicherung empfunden, wenn man selbst schreibt. Erst dann hat man eine genaue Vorstellung davon, wie schwer Schreiben sein kann. Man weiß, dass das nichts ist, was man einfach abzapfen kann. Natürlich ist es auch interessant, wie ein Buch entsteht. Und: Verständnis für Autoren ist das Wichtigste bei der Verlegerei. Bei all der harten Konkurrenz fand ich das immer vorteilhaft. </P><P>Sie haben jetzt den Gedichtband "Kurz vor dem Gewitter" (bei Suhrkamp) vorgelegt. Ein malerisches, bildnerisches Wahrnehmen fällt dabei auf.</P><P>Krüger: Ich bin ein notorischer Bilder-Sammler - nicht im materiellen Sinn. Es geht um das artifizielle Bild und das andere, das sich noch nicht in Kunst verwandelt hat. Ich denke, der Mensch besteht aus gar nicht so vielen Bildern. Die erkennt er überall. Man kommt ja manchmal in einen Saal, und es ist, als ob man seinen Maler sieht. Das sind die Hauptbilder, alles andere hat uns die Zivilisation zugespielt. Sie sind Varianten der wenigen, die man in sich trägt.</P><P> </P>

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