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Lautsprecher seiner Seele: Torquato Tasso (Valery Tscheplanowa), umgeben vom Chor.

Kritik

Torquato Tasso am Residenztheater: Ich, ich, ich

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München - „Torquato Tasso“ am Münchner Residenztheater bietet sprödes Nachdenken über den Künstler an sich.

Ein Schlussbild wie ein Ausrufezeichen: Da steht Tasso-Darstellerin Valery Tscheplanowa an der Bühnenrampe, in der rechten Hand eine Pistole, links einen Lorbeerkranz. Kalt leuchtende Neonröhren werden aus dem Schnürboden herabgelassen, angeordnet zu den Ziffern 25/7. In der Nacht jenes Juli-Tages im Jahr 1577 zerstörte der historische Torquato Tasso (1544–1595) die Tür seiner Zelle und floh. Das Datum symbolisiert ebenso die Freiheit wie die Aufgabe von Sicherheit als Mitglied des Hofes. Waffe und Lorbeer verdeutlichen die Extreme, zwischen denen diese Figur heftig pendelt. Untergang oder Ruhm – der Ausgang ist offen. „So klammert sich der Schiffer endlich noch/ Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte“, wie es am Ende von Goethes Drama heißt. Philipp Preuss hat dessen „Torquato Tasso“ (1790) im Münchner Residenztheater als theatrales Nachdenken über das Verhältnis von Künstler und Gesellschaft inszeniert: mal spröde, mal ungeschickt, oft klug.

Den autobiografischen Bezug des Werks unterstreicht der Regisseur, indem er zu Beginn Tscheplanowa auch den Text der Prinzessin und Leonores sprechen lässt, während Sibylle Canonica und Nora Buzalka nur den Mund bewegen. Dreimal wiederholt sich diese Szene, die ans Marionettenspiel erinnert. Die Titelfigur als Autor ihres Dramas: So macht Preuss deutlich, dass Goethe hier eben auch die eigene Situation am Weimarer Hof reflektierte.

Einen zeitgenössischen Wiedergänger Tassos entdeckt die Regie in Ian Curtis. Der Sänger der britischen Band Joy Division zerbrach nicht zuletzt am Ruhm; er erhängte sich am 18. Mai 1980. Die Joy-Division-Nummer – und Inschrift auf Curtis’ Grabstein – „Love will tear us apart“ („Liebe wird uns auseinanderreißen“) ist Tassos musikalisches Leitmotiv.

Der zweistündige, pausenlose Abend birgt manche Anspielung, die sich vielleicht nicht unmittelbar erschließt. Denn so deutlich die Inszenierung oft ist, so viel setzt sie auch voraus. Möglich, dass das ein Grund für den verhaltenen Applaus nach der Premiere am Freitag war. Dabei ist es gerade eine Stärke von Philipp Preuss, dass der Österreicher nicht nur mit dickem Strich arbeitet.

Die Rolle des Herzogs, der sich mit dem Erfolg des Dichters schmückt und von dessen Gunst im Gegenzug Tasso abhängig ist, hat der Regisseur gestrichen und durch das Publikum ersetzt: Willkommen in der Welt des Pop. Dafür hat Ramallah Aubrecht den Zuschauerraum des Theaters spiegelbildlich auf der Bühne nachgebaut. Immer wieder werden die Premierengäste im Rang gefilmt und auf die Leinwand hinter der Spielfläche projiziert. Dieser Videoeinsatz markiert allerdings – egal, wie einleuchtend die Idee ist – eine Schwäche des Abends. Zuschauer, die sich selbst sehen, haben bislang noch jede Produktion gestört. Selbiges gilt für jene Videoeinspielung, bei der die Kamera Tasso in Foyer und Garderobe folgt. So wird zwar allen klar, dass sich der Dichter nach dem Streit mit Antonio von der Gesellschaft ausgestoßen fühlt. Allerdings zerfasert die Inszenierung durch die Wackel-Ästhetik der Bilder.

Doch der Abend braucht Konzentration für die vielen guten Einfälle: etwa die Idee, Tasso einen Chor zur Seite zu stellen, als Lautsprecher seiner Seele. Wenn diese 19 Frauen Antonio, den Norman Hacker als Gockel und Machtpolitiker zeigt, mit Blut bespucken, dann verrät das viel über eine Figur, die nur in Extremen existiert. Dass die Titelrolle mit einer Frau besetzt ist, doch im Text maskulin bleibt, zeigt zudem geschickt: Hier ist einer, der anders ist.

Valery Tscheplanowa beeindruckt als Tasso. Wer die Schauspielerin am selben Ort erlebt hat, wie sie in Dimiter Gotscheffs Inszenierung von Heiner Müllers „Zement“ die Prosa-Einschübe spricht/ schreit/ singt/ lebt, weiß um ihre Fähigkeit, Texte zum Leuchten zu bringen. Hier nutzt sie diese Gabe, um Tassos Innerstes aufzublättern und das Psychogramm eines Mannes zu zeichnen, von dem Antonio sagt: „Er fordert das Unmögliche von sich/ Damit er es von andern fordern dürfe.“ Welch Egoismus in jedem Künstler tobt, zeigen Tscheplanowa und der Chor in einem kakophonischen Tumult, aus dem sich der Ausruf „Ich, ich, ich“ schält. Auch das, natürlich, eine Szene wie ein Ausrufezeichen. Aber wo, wenn nicht hier, sollte es gesetzt werden?

Information

Weitere Vorstellungen heute sowie am 27. Februar, 6. und 16. März; Telefon 089/ 2185-1940.

Michael Schleicher

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