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Wagners Gold ist Castorfs Öl: Anja Kampe (Sieglinde) und Johan Botha (Siegmund) in „Walküre“.

Bayreuther Festspiele

Total verkommene Bagage

Bayreuth - Halbzeit bei der „Ring“-Wiederaufnahme: Petrenkos Dirigat ist ein Wunder, Castorfs Regie hält da nicht mit.

Ein dauergeiler Wotan treibt es mit Fricka und Freia gleichzeitig, stellt den Rheintöchtern nach und verschwindet mit Erda in der Besenkammer. Alberich tut alles, um erst Sex, dann Geld und Gold zu erlangen. Die Göttinnen sind zu sexuellen Diensten bereit, um an Luxus, Geld und Alkohol zu kommen. Die hart arbeitenden Riesen wollen am liebsten beides: eine Göttin im Bett und eine Beteiligung am Gewinn. Wo andere nur andeuten, wird Frank Castorf deutlich. Und zwar nicht irgendwo, sondern im Bayreuther Festspielhaus. Im vergangenen Jahr wurde die Produktion bekanntlich heftig angefeindet, bei der diesjährigen Wiederaufnahme von Wagners „Ring des Nibelungen“ ist nun die erste Halbzeit rum.

Im ersten Teil zeigt der Regisseur die Götterfamilie als total verkommene Bagage, der es weniger um die Macht als vielmehr um die Gier geht: nach Geld, Gold, Sex und Öl. Castorf macht das greifbar, nicht gerade auf eine subtile Art und Weise, aber unterhaltsam. Wagners Gold ist Castorfs Öl. Nun ist Letzterer viel zu klug, um beide gleichzusetzen. Er verschränkt sie, zeigt aber die Wirkungen des Goldes in allererster Linie auf die handelnden Personen und die Auswirkungen des Ölbooms auf die sie umgebende Welt. Dabei kommt es immer wieder zu Verschleifungen, zu Reibungen, zu unstimmigen Szenen, doch stört das nur mäßig, weil die einzelnen Szenen sowieso fragmentarischen Charakter haben, die Handlung keine Einheit aufweist.

Wenn der Vorhang während des „Rheingold“-Vorspiels aufgeht, sehen wir ein Motel, die Zimmer der Götterfamilie, den Swimmingpool der Rheintöchter, den schäbigen Wohnwagen der Nibelungen und eine Bar, gelegen an der Route 66, sagen wir zur Zeit der großen Hollywood-Technicolorfilme. Szenenwechsel ermöglicht das Einheitsbühnenbild (Aleksandar Deni´c) dadurch, dass es auf einer Drehbühne angeordnet ist. Castorf erzählt im ersten Teil des „Rings“ keine lineare Geschichte, sondern viele Geschichten. Er berichtet über Video-Einspielungen (Andreas Deinert und Jens Crull) auch von solchen, die Wagner nicht vermittelt hat, zeigt also, was außerhalb der „Ring“-Handlungsebene geschieht. Zusätzlich filmen Kameraleute die Bühnenhandlung, die zeitgleich auf einer Leinwand zu sehen ist, und lenken den Blick auf ganz bestimmte Figuren, zeigen deren Perspektive auf das Geschehen, deren Sehnsüchte, Ängste und Lüste. Sängerisch ist „Rheingold“ durchwachsen. Herausragend der herrlich schmierige Wotan von Wolfram Koch oder der schleimig-intrigante Loge von Norbert Ernst, solide die Fricka von Claudia Mahnke, indiskutabel der neue Alberich von Oleg Bryjak: intonatorisch zu oft daneben, sprachlich eine Katastrophe.

Die „Walküre“ wiederum verlegt Castorf zurück in eine russische Erdölmetropole der 1880er-Jahre, eine Zeit, in der Unmengen von Geld in den jungen Industriezweig gepumpt wurde. Im Vergleich zum Vorabend ist „Walküre“ eine Enttäuschung. Mit Ausnahme des Walküren-Ritts weiß Castorf mit den Sängern nicht viel anzufangen, meist sind sie sich selbst überlassen. Und wäre nicht die grandiose Holzkonstruktion des Bühnenbildners, die als Kirche, Wohnhaus, Fabrik fungieren kann und immer neue Perspektiven öffnet, es wäre ein Rückfall in alte Opernzeiten. Darüber können auch die Videoeinspielungen nicht hinwegtäuschen. Dafür kann die „Walküre“ sängerisch punkten. Johan Botha steht wie ein Fels in der Brandung der Winterstürme, ist stimmlich aber überaus frisch und agil. Anja Kampe ist eine leidenschaftlich flackernde Sieglinde mit leichten Schärfen, Wolfgang Koch ein guter Wotan, dessen fehlendes Volumen sich allerdings immer wieder bemerkbar macht, und Catherine Foster zeigt, dass sie eine Brünnhilde mit fabelhaften Höhen, lyrischem Potential und ausbaufähiger Tiefe ist.

Der umjubelte Kirill Petrenko ist ein dezidierter Anti-Thielemann. Sein Wagner will überzeugen, nicht überwältigen. Seine Lesart ist ein Wunder an Klarheit, Verständlichkeit und Schönheit. Nicht Klangentfaltung steht im Vordergrund, sondern überaus deutliche Artikulation. Dadurch kann mit gesungener Sprache Feinarbeit geleistet werden, und das kommt gerade einem Konversationsstück wie dem „Rheingold“ zugute. Überragend die instrumentalen Teile. Das wunderbar fließende, helle, aus dem Nichts kommende Vorspiel zum „Rheingold oder dasjenige zur „Walküre“, das Struktur und Rhythmus zugunsten von Geräuschhaftem zurückstellt. Petrenko lässt uns Wagner neu hören, Castorfs Sichtweise hält da nicht annähernd mit.

Von Bernd Zegowitz

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