+
Gerade erst den Eurovision Song Contest gewonnen – und schon Figur eines Ballettabends: Eine übergroße Conchita Wurst wird beim ersten Teil der „Minutemade“-Reihe des Gärtnerplatztheaters aus dem roten Teppich entrollt.

Premierenkritik

„Minutemade“-Reihe: Zeitgenössischer Tanz, total verrückt

München - Schnell gefertigt und herrlich komisch: Das Gärtnerplatztheater zeigt zeitgenössischen Tanz in der „Minutemade“-Reihe.

Der Postpalast aus den Zwanzigerjahren – was für eine großartige Spielstätte für zeitgenössische Tanz-Events! Das Münchner Gärtnerplatztheater, wegen Sanierung immer noch auf Ausweichquartiere angewiesen, ist eben findig. Und was in dieser schlicht-schönen Rundhalle mit ihrer verglasten Kegelstumpf-Krone, einer ehemaligen Verteilerhalle, an vier Wochenenden als „Minutemade“ – heißt: schnell gefertigt – präsentiert wird, könnte sogar Zuschauer begeistern, die vor einem schweren Ballettabend zurückscheuen. Jedenfalls ist der gerade gesehene Akt I ein leichter, bunter Fleckerlteppich: sicher nicht ganz perfekt, aber herrlich schräg in seinen Tanztheaterbildern und in der zeitgenössisch freien Bewegung durchaus von Qualität. Die Vorgabe von nur einer Woche Probenzeit verspricht den Choreographen Kulanz des Publikums.

Befreit vom großen Premieren-Druck, lässt Tanzchef Karl Alfred Schreiner sein Talent fürs Komische so richtig von der Leine. Hallo, wo sind wir?, stutzt man beim klassischen Pas de deux aus John Crankos „Onegin“. Aber schon attackiert eine Terror-Miliz in Tarnanzügen diese Ikone des Sechzigerjahre-Balletts und liefert sich mit ballernden Kalaschnikows Nahkampf zwischen den herumgefahrenen dicht behängten Kleiderstangen, dem „Minutemade“-Spar-Dekor.

Auf einer großen Leinwand im Hintergrund jetzt der Clou: vier Männer des Ensembles hinreißend als die US-TV-„Golden Girls“ auf einem roten Sofa, singend, tanzend, quatschend und sich durch die Splatter-Movies zappend, die vorne live spielen. Zombies werden da auf Herz, Blut und Schmerzempfindlichkeit getestet und zerschnitzelt. Roter Saft spritzt üppig. Aber gleich schon wiederauferstanden, schleudern sie in poppigem Rhythmus ihre untot-schlapprigen Glieder in einem makabren Gruppentanz. Damit noch nicht genug der soapigen Parodien. Getragen von Kollegenhänden fliegt Bat- und Spiderman über die Tanzfläche und schmuseschmalzt und räkelt sich, eingewickelt in einen roten Teppich, Conchita Wurst. Überdimensioniert lang ist sie, weil die rausschauenden Beine einem weiteren Tänzer gehören. Total verrückt.

Eine weitere Vorgabe ist, dass der zweite „Minutemade“-Macher des Abends assoziativ an die vorausgehende Choreographie anknüpft. Der Übergang ist nicht so genau auszumachen. Aber wenn die Bewegung forsythisch neoklassisch-postmodern wird, dann sind wir in diesem Akt I garantiert bei Christopher Roman angekommen, einem langjährigen Forsythe-Tänzer und -Assistenten. Und wie sein Mentor Forsythe hinterfragt Roman süffisant Form und Tradition. „Ist der Choreograph bekannt?“ und „Was bedeutet das alles eigentlich?“, naiv wissbegierig eine fürstliche Dame aus barock-steifer Vergangenheit auf rollendem Kothurn. Worauf ihr „Diener“ Alessio Attanasio in italienischem Wortschwall Klassik, Moderne und Postmoderne erklärt.

„Minutemade“ ist eine sparsame Reihe, lässt dabei kreativen Freiraum. Dass das Tanzensemble so viele begabte Komödianten hat, wusste man bis dato nicht.

Nächste Vorstellungen

am 31. Mai (Christopher Roman/ Marco Goecke), am 7. Juni (Goecke/ Alexander Ekman) sowie am 14. Juni (Ekman/ Antony Rizzi), Wredestraße 10; Telefon 089/ 21 85 19 60.

Malve Gradinger

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Maler Karl Otto Götz ist tot
Er galt als Pionier der abstrakten Kunst der Nachkriegszeit: Karl Götz. Der Maler ist im Alter von 103 Jahren gestorben.
Maler Karl Otto Götz ist tot
Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Zeit seines Lebens hat Jerry Lewis die Menschen zum Lachen gebracht. Diese Fähigkeit schien ihm angeboren zu sein. Dabei durchlebt auch der Komiker schwarze Stunden.
Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Die griechische Filmemacherin Athina Rachel Tsangari hat zum ersten Mal am Theater gearbeitet und für die Salzburger Festspiele in Hallein Frank Wedekinds „Lulu“ …
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
Die Arena di Verona kämpft mit Affären und Finanznot. Hilfe verspricht man sich von einem Sanierungsplan - und einer Uralt-„Aida“.
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen

Kommentare