Die totalitäre Revolution

- Wenn der Papst der deutschen Sozialhistoriker, Hans-Ulrich Wehler, ein neues Buch veröffentlicht, stürzt sich jeder zuerst auf die Anmerkungen. Scharfzüngig wie keiner richtet der emeritierte Bielefelder Geschichtsprofessor dort über die Erzeugnisse der deutschen Historikerzunft. Auch im vierten Band seiner Deutschen Gesellschaftsgeschichte häufen sich die Verdikte: "Ganz unbrauchbar", "ahnungslos" oder ganz einfach "schwach", heißt es da.

<P>Die Verantwortung des<BR>deutschnationalen Lagers<BR><BR>Manchmal ist auch ein "Wirrkopf" am Werk, das jüngste  Buch  des Vatikan-Kritikers Goldhagen nennt er einen "abstrusen Amoklauf". Und - so ist "der Wehler" nun mal - "brillant" oder "vorzüglich" sind vornehmlich die Bücher seiner Doktoranden und polit-historischen Mitstreiter in den historischen Großdebatten der vergangenen Jahre. Darüber kann man sich ärgern, achtlos beiseite legen sollte man das 1173-Seiten-Werk nicht.</P><P>Als progressiver Sozialhistoriker gestartet, der sich mit den Bedächtigen seiner Zunft anlegte, ist der jetzt 72-Jährige publizistisch konservativer geworden. Zuletzt zum Beispiel geißelte er den möglichen EU-Beitritt der Türkei. Ähnliche Überraschungen bietet sein neues Werk. So bezeichnet er Hitlers Machtübernahme 1933 als "totalitäre Revolution" und bricht damit ein Tabu, nämlich den positiv besetzten Revolutionsbegriff. Auch nennt er die räterepublikanischen Experimente 1918/19, bei der viele Historiker verklärende Augen bekommen, einen "Rückschritt in das Traumland basisdemokratischer Illusionen". </P><P>Doch der Reihe nach: Die Konzeption von Wehlers "Gesellschaftsgeschichte", deren erster Band mit dem Jahr 1700 einsetzte, ist eigenwillig. Konsequent gliedert Wehler die deutsche Gesellschaft nach vier Dimensionen: politische Herrschaft, Wirtschaft, Kultur und soziale Ungleichheit. Je nach Epoche wird verschieden gewichtet. Völlig zu Recht hält Wehler zum Beispiel in der NS-Zeit die politische Herrschaft für dominant, nicht also zum Beispiel ökonomische Faktoren - Hitler war kein Satrape irgendwelcher Großindustrieller. Hitler steht überhaupt im Zentrum des gesamten Buches.</P><P>Scharf betont Wehler - gegen manche Tendenz, dies abzuwerten - zunächst die Verantwortung des deutschnationalen Lagers für den Aufstieg des Diktators. Ohne sie hätte Hitler nie Zugang zum entscheidenden Machtzentrum - der Kanzlei von Reichspräsident Hindenburg - erhalten. Vernichtend urteilt er daher über Zentrums-Reichskanzler Heinrich Brüning, seine Nachfolger Papen und Schleicher sowie über die intellektuelle Rechte der damaligen Zeit, etwa den auch in der Bundesrepublik einflussreichen Staatsrechtler Carl Schmitt.</P><P>Für einen Sozialhistoriker sind die Passagen über die NS-Zeit erstaunlich personen-, ja Hitler-zentriert geraten. Hitler war _ hier widerspricht er vehement seinem Kollegen Hans Mommsen - kein "schwacher Diktator". Ganz im Gegenteil: Wehler hält es sogar für erwiesen, dass Hitler die Massenvernichtung der Juden befohlen hat, auch wenn bis jetzt noch kein derartiger Befehl gefunden worden ist. Zur Herrschaftsausübung Hitlers, den er einen "charismatischen Diktator" nennt, bemüht Wehler das von Max Weber entwickelte Analyseraster - nur eine von vielen Innovationen. Denn welches Kapitel man auch aufschlägt, bei Wehler liegt man richtig - ob nun bei der Debatte, wie "modern" der NS-Staat war, oder bei der Frage, wie sich die Arbeiterschaft zur NS-Herrschaft verhielt. Gut auch, dass er sich nicht auf den "Sonderweg", den Deutschland im Vergleich zu anderen Industriestaaten beschritten habe, kapriziert. Nach vielen Debattenjahren ist das Ganze eher schal.</P><P>Nur die Passagen zur Kultur bleiben schwach. Kein Wort über die "Goldenen 20er-Jahre", nichts Fundiertes zu Brecht oder Tucholsky. Kultur reduziert sich für Wehler auf die Auflagenziffern von Zeitungen und Büchern. Davon abgesehen aber ist ihm ein furioser Wurf geglückt. Auf den abschließenden Band zur DDR und Bundesrepublik darf man gespannt sein.</P><P>Hans-Ulrich Wehler: "Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Vierter Band. Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914-1949". C.H. Beck Verlag, München. 1173 Seiten, 49,90 Euro.<BR></P>

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