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Ein nicht alltäglicher Auftritt: Tote-Hosen-Sänger Campino (r.) stand gemeinsam mit Gerhard Polt auf der Bühne.

Gemeinsam mit Well-Brüdern und Polt

Schweinsbraten trifft Currywurst: Kammerspiele mit den Toten Hosen

Die verschiedensten Musikrichtungen trafen sich im altehrwürdigen Jugendstilgemäuer. Dort luden die Rockmusiker der Toten Hosen zum gemeinsamen Konzert mit den Well-Brüdern und Gerhard Polt.

München - „Darf ich das Bier jetzt nicht mit reinnehmen in den Saal?“, fragt der junge Mann im Fan-T-Shirt. Darf er natürlich nicht. Schließlich sind es die Kammerspiele. Es war schon ein kleiner Culture Clash, das Konzert der Toten Hosen im altehrwürdigen Jugendstilgemäuer gemeinsam mit den Well-Brüdern und Herrn Schikaneder, alias Gerhard Polt.

Der Kabarettist sollte durch den Abend führen, stieg aber lieber in die Rolle des leicht schmierigen Musikmanagers der Firma Eagle Wings, der die talentierten Musiker auf der Bühne unter Vertrag nehmen wollte - Ochsentour durch Altenheime garantiert. Ein klassischer Polt. Die Überraschung kam aber später, als er sein unfassbar sackartiges Jopperl - ein Glanzstück süddeutschen Landhausgrusels - auszog, gekonnt afrikanisch sang und die Hüften sexy kreisen ließ, sehr zur Freude der staunenden Wells und Hosen.

Eigene Interpretation von „Der Vogelfänger bin ich ja“

Überraschungen gab es viele, etwa als Campino mit den Wells eine ganz eigene Interpretation von Papagenos „Der Vogelfänger bin ich ja“ aus Mozarts „Zauberflöte“ zwischen Schrammelmusik und Punk hinlegte. Sehr zum Ärger des Herrn Schikaneder, Nachfahre jenes Zeitzeugen von Mozart, der dem Wunderknaben Geld gezahlt haben soll für eine Oper, die nie geschrieben wurde. „Den Schuldschein habe ich heute noch!“, polterte Polt und ermahnte die jungen Musiker, die Finger von der Klassik zu lassen.

Die ließen sich jedoch nicht davon abbringen und spielten eine reduzierte „Feuerwerksmusik“ von Händel für irgendeine Feier einer freiwilligen Feuerwehr. Bei allem Ulk konnte Stofferl Well da wieder zeigen, wie er das Spiel mit der Bachtrompete beherrscht, begleitet von den akustischen Hosen mit Campino an der Solopauke.

Campino hatte „viel Spaß“

Später freute sich der Sänger der Toten Hosen beim gemeinsamen Bier: „Ich finde es erstaunlich, wie gut wir musikalisch zusammengewachsen sind. Natürlich war das jetzt nicht perfekt, aber es hat viel Spaß gemacht.“ Klassiker der Toten Hosen von „Auswärtsspiel“ bis „Wünsch dir was“ erhielten durch die bayerischen dreistimmigen Bläsersätze der Well-Brüder (Trompete, Tuba, Klarinette) eine ganz eigene Note. Manchmal klang es gar nach Mariachis.

Den nur scheinbar so unterschiedlichen Musikern machte es offensichtlich Spaß, sich auf der Bühne gegenseitig zu dissen, aufs Glatteis zu führen oder vor schwierige Aufgaben zu stellen - etwa wenn Campino Alphorn blasen soll, Gitarrist Breiti an der Zither sitzt, Bassist Andi am Hackbrett oder Drummer Vom an der Stabreibtrommel. Keine Perfektion. Aber wer will das schon bei einem wilden Parforceritt zwischen Punk und Gstanzl - oder wie es Campino beschrieb: „Schweinsbraten trifft Currywurst“.

Ein großer Spaß auf der Bühne, der auch das Publikum ansteckte, selbst die Punks, die auf die Pause warten mussten, um das nächste Bier tanken zu können. Aber natürlich gab es auch Unzufriedene, wie der Herr, der sich beschwerte, weil vor ihm Mädchen ständig zappelten, sodass er nichts sehen konnte, und mit T-Shirts so wild wedelten, dass sie ihn am Auge getroffen hätten. Keine Sorge: Am Samstag steht wieder Hamlet auf dem Spielplan.

Antonio Seidemann

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