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Was macht der Kampf für eine Utopie mit und aus den Menschen? In Dimiter Gotscheffs „Zement“-Inszenierung haben sich Dascha ( Bibiana Beglau, re.) und Tschumalow ( Sebastian Blomberg, li.) nicht mehr viel zu sagen. Sergej ( Lukas Turtur, stehend) und Polja (Genija Rykova, mit Kappe) glauben derweil – zumindest vorläufig – noch an die Heilsversprechungen der Revolution.

Die Toten befragt

München - Schon lange war auf einer Münchner Bühne kein so starkes Schlussbild zu sehen wie bei "Zement" im Residenztheater. Sebastian Blomberg lässt seinen Tschumalow einen letzten, trotzigen Monolog ins Publikum sprechen.

Eine Welt ohne Sklaven und Herren sei kein „Traum“, erklärt der Abgekämpfte da, sondern „eine Arbeit“, und zwar die „unsere“. „Und jetzt werde ich euch zeigen, wer die Macht hat“, sagt Tschumalow, und Blomberg, mit schweißglänzendem Oberkörper, wuchtet einen Betonklotz die Rampe hoch. Die Arbeit des Sisyphos ist nicht beendet. Noch ist da Hoffnung, dass sich Brüder im Geiste wie Tschumalow finden, die sich krumm machen für ein besseres Leben. Dann packt Blomberg den Stein, stemmt ihn über den Kopf – in diesem Augenblick wohnen zwei Möglichkeiten: Er könnte unter dem Gewicht zusammenbrechen, oder das Ungetüm wird in seinen Händen zur Waffe gegen die Unterdrücker. Die Antwort bleibt offen. Die Bühne versinkt in Dunkelheit. Es ist das Ende eines zutiefst humanistischen, beeindruckenden Abends.

Dimiter Gotscheff hat fürs Residenztheater Heiner Müllers 1973 uraufgeführtes Stück „Zement“ inszeniert und sein gut vier Stunden langer Abend (eine Pause) ist nicht nur Wiederbegegnung mit einem zu Unrecht Vergessenen. Diese Arbeit kitzelt Hirn und Herz, ist intellektuelles Vergnügen und emotionale Achterbahnfahrt. Sätze von unglaublicher Prägnanz prallen hier ungebremst auf ein wahrhaftiges Bild des Menschen mit seinen Schwächen, Fehlern, Stärken. Müller erzählt vom ewigen Streben nach einer würdevollen Existenz – und von der Erkenntnis, dass wir dafür nicht geschaffen zu sein scheinen.

Gotscheff, gerade 70 Jahre alt geworden und Kenner des Autors, seit er 1983 die bulgarische Erstaufführung von dessen „Philoktet“ einrichtete, ist Erstaunliches gelungen. In „Zement“ berichtet Müller (1929-1995) nach dem gleichnamigen, 1925 veröffentlichten Gladkow-Roman, von den Schwierigkeiten beim Aufbau der kommunistischen Gesellschaft nach dem russischen Bürgerkrieg. In seiner Fassung legt Gotscheff nun unter dieser Geschichte die Tragödie des menschlichen Strebens nach Glück frei. Es ist eine Tragödie von antiker Wucht.

„Man muss die Toten ausgraben, wieder und wieder“, hat Müller einmal gefordert. Nur sie könnten Auskunft geben über das Wesen der Menschen, so der Autor, dessen Werk tief in der griechischen Mythologie wurzelt. Gotscheff nimmt das ernst. Es ist ein berührender Moment, als er zu Beginn der Vorstellung selbst an die Rampe tritt und einige Zeilen des Müller-Gedichts „Mommsens Block“ (1992) über den Historiker und Verfasser der „Römischen Geschichte“ rezitiert: „Der GROSSE OKTOBER DER ARBEITERKLASSE besungen/ Freiwillig Mit Hoffnung Oder im doppelten Würgegriff“, heißt es da. Und eben dieses Dilemma verhandelt fortan das großartige, engagierte Ensemble auf der weiten, grauen Bühne mit nach hinten ansteigender Rampe. Ezio Toffoluttis Raum trägt viel zum Erfolg des Abends bei: Sehen wir ein Gefängnis oder einen Tempel? Erleben wir das Ende einer Geschichte, in der alles abgerissen, karg ist? Oder sehen wir den Beginn von etwas Neuem, sind Zeugen eines (Wieder-)Aufbaus in der Leere? Blicken wir zurück auf Vergangenes oder schauen wir hinaus in die Zukunft? Dieses Bühnenbild hält das raffiniert in der Schwebe.

Seinen Chor, der beinahe alle Szenen gierig beobachtet, etabliert Gotscheff als ein Heer von Zombies: grau, staubig. Ihre Leichentücher hängen in Fetzen herab. Diese Untoten, ihrer Seele beraubt und daher nicht mehr ihrer selbst bewusst, symbolisieren jene Menschen, für die einer wie Tschumalow kämpft, unterliegt, weiterkämpft.

Denn das Scheitern des Kommunismus ist hier mitinszeniert. Zur Entstehungszeit des Stücks konnte, sollte das kein Thema sein; Müller wollte zeigen, wie Startschwierigkeiten beim Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft überwunden werden. Heute ist Gotscheff weit von Nostalgie entfernt: Er kennt die Schwachstellen des Systems, führt sie gnadenlos vor, in aller Brutalität und Lächerlichkeit: etwa den Bürokratismus des Kaders in komischen, leichten Szenen. Sie sind wohltuender Kontrast zu jenen, die Selektion und Säuberungen innerhalb der Partei zeigen. Hier gelingt Genija Rykova und Lukas Turtur in ihren Rollen als junge Revolutionäre, die in Ungnade gefallen sind, eine zu Herzen gehende Abschiedsszene, die mit dem Suizid beider im Glauben an eine höhere Sache endet: „Du brauchst mir nicht zu sagen, wo mein Platz ist.“

Außerdem interessiert Gotscheff, wie der Kampf für eine Utopie auf zwischenmenschliche Beziehungen wirkt: Sebastian Blomberg und Bibiana Beglau sind die pulsierende Kraftquelle der Inszenierung, ihre Wortgefechte große Kunst. Tschumalow, heimgekehrt aus der Schlacht gegen die Unterdrücker, erkennt seine Dascha nicht wieder, die inzwischen die Frauen agitiert, sich emanzipiert hat: „Merk dir, Genosse, wenn einer hier mein Besitzer ist, bin ich das.“ Njurka, die gemeinsame Tochter, hat Dascha ins Heim gegeben, um Zeit für die Partei zu haben.

Dieses, zwischenzeitlich gestorbene, Kind ist das Zentrum des Abends. Valery Tscheplanowa zeigt es als Wesen, das aus einer besseren Zukunft zurückzukehren scheint. Sie, die in der nächsten Spielzeit fest ins Resi-Ensemble kommt, interpretiert zudem mit schier unglaublicher Intensität die beiden Prosatexte, die das Stück unterbrechen und von der Befreiung des Prometheus sowie dem Kampf des Herakles mit der Hydra künden.

Großer Jubel für eine großartige Theaterarbeit.

Michael Schleicher

Die Handlung

Russland 1921, gegen Ende des Bürgerkriegs: Schlosser Tschumalow, Regimentskommissar bei der Roten Armee, kehrt nach drei Jahren aus dem Krieg gegen die Weißgardisten zurück nach Hause. Entsetzt stellt er fest, dass das Zementwerk, in dem er einst arbeitete, zu einem Ziegenstall verkommen ist. Seine Frau Dascha hat die gemeinsame Tochter in ein Heim gegeben, um die Frauen agitieren zu können. Tschumalow zwingt den bürgerlichen Ingenieur Kleist, mit ihm gemeinsam das Zementwerk wieder aufzubauen.

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