Michael "Breiti" Breitkopf im Interview

Die Toten Hosen: "Punk prägt uns bis heute"

München - Seit 32 Jahren gibt es die Toten Hosen, am 21. November erscheint eine Biografie über die Band. Gitarrist Michael "Breiti" Breitkopf spricht im Interview über die Toten Hosen, das Buch und politisches Engagement.

„Guten Morgen, ich bin Breiti.“ Entspannter kann man sich nicht vorstellen. Michael „Breiti“ Breitkopf, 50, ist Gründungsmitglied und Gitarrist der Toten Hosen. Die Rockband aus Düsseldorf gibt es seit 32 Jahren. Der Autor Philipp Oehmke zeichnet in seiner sehr lesenswerten Biografie, die heute in die Buchläden kommt, den Weg der Musiker zu einer der erfolgreichsten deutschen Bands nach. Ein Erfolg, der kaum zu erahnen war, denn die Hosen wurden in ihren Anfangsjahren völlig anders wahrgenommen als heute. Auch darüber sprachen wir mit Breitkopf.

Als Schüler ärgerten wir unsere Lehrer, wenn wir auf Ausflügen Lieder der ersten Hosen-Platten „Opel-Gang“ (1983), „Unter falscher Flagge“ (1984) oder „Damenwahl“ (1986) grölten. Nach dem CDU-Wahlsieg 2013 sang Unions-Fraktionschef Volker Kauder Ihren Song „Tage wie diese“. Von der Provokation bis auf die Bühne des Adenauer-Hauses ist es ein weiter Weg.

„Tage wie diese“ ist das erste Lied in unserer Geschichte, das ein richtiger Hit wurde und ins öffentliche Bewusstsein übergegangen ist. Wahrscheinlich bringen viele dieses Lied gar nicht mehr mit uns in Verbindung. Der Song ist ein Geschenk für uns. Es ist großartig, einen solchen Hit zu haben. So ein Lied ist zunächst einmal für alle da.

Auch für die CDU?

Breiti von den Toten Hosen mit dem Leiter der Merkur-Kulturredaktion, Michael Schleicher.

Das hätte uns nicht weiter beschäftigt, wenn diese Darbietung in der Öffentlichkeit nicht derart hochgekocht wäre. Deshalb haben wir entschieden, uns dazu zu äußern: dass die Verwendung nicht mit unserer Einwilligung geschah und dass die Version bei uns keine Begeisterungsstürme ausgelöst hat.

Mit dieser Anekdote steigt Philipp Oehmke in seine Biografie der Toten Hosen ein.

Das als Aufhänger für das Buch zu nehmen, ist einer der wenigen Punkte, an dem ich nicht mit ihm einer Meinung war. Es war eine Mini-Episode in unserem Leben, die überhaupt nicht wichtig ist.

Was ist in den 32 Jahren, die es die Hosen gibt, unverändert geblieben?

Natürlich haben wir uns weiterentwickelt: Als wir anfingen, waren wir 18, 19 und heute sind wir um die 50, dazwischen liegt ein halbes Leben. In unserem Antrieb und unserer Leidenschaft für Musik hat sich überhaupt nichts geändert.

Wann haben Sie zum ersten Mal bemerkt, dass die Band so erfolgreich ist, dass sie nicht mehr zur Punk-Bewegung zählt?

Diese Kategorien sind für uns nicht wichtig. Wir machen die Musik, die in uns steckt. Wenn Tausende unsere Lieder bei Konzerten mitsingen oder nach einem Sieg von Fortuna Düsseldorf „Tage wie diese“ im Stadion läuft, sind das großartige Erlebnisse. Das ist eine schöne Form der Anerkennung, die wir als Geschenk annehmen – und wissen, dass es ein Privileg ist.

Punk und Erfolg vertragen sich kaum, oder?

Als wir mit der LP „Ein kleines bisschen Horrorshow“ (1988; Anm. d. Red.) anfingen, erfolgreich zu werden, hatten wir zunächst auch Schwierigkeiten das anzunehmen. Wir haben uns am Anfang immer dafür entschuldigt, dass wir auf einmal von der Musik leben konnten. Doch ich bin überzeugt, dass uns ein paar Grundsätze der Punk-Bewegung bis auf den heutigen Tag prägen.

Zum Beispiel?

Dass wir selbst über unsere Angelegenheiten bestimmen, indem wir unser eigenes Label und unsere eigene Konzertagentur haben; dass wir bestimmen, wie viel der Eintritt für unsere Konzerte kostet; wo und mit wem wir auftreten; welche Lieder auf ein Album kommen. Über all das müssen wir mit niemandem diskutieren. Das war auch ein Anliegen der Punk-Bewegung: unabhängig und selbstbestimmt seine Sachen in die Hand nehmen zu können.

Wie muss ein guter Hosen-Song sein?

Ein Hosen-Song muss gar nichts. Ein guter Text wird dadurch ein guter Text, indem derjenige, der ihn schreibt und singt, bereit ist, eigene Erfahrungen preiszugeben. Ich bewundere Menschen, die dazu in der Lage sind. Denn nur dann werden auch andere davon berührt.

Bleiben wir beim Begriff „preisgeben“. Für die Biografie mussten Sie alle sich öffnen...

Ja, denn es war unser Wunsch, eine Biografie zu machen. Es gab 1995 schon einmal eine. Doch das ist lange her, außerdem ist dieses Buch in einer Sprache geschrieben, die nicht mehr zu uns passt. Ein Anspruch war, Leuten, die sich für uns interessieren, zu erklären, wo wir herkommen, und warum unsere Musik ist, wie sie ist. Der zweite Anspruch war, Leuten, die sich nicht so sehr für uns interessieren, zu erklären, wie eine Band funktioniert.

Haben Sie diskutiert, wie viel Privates, etwa in Bezug auf die jeweiligen Familiengeschichten, sich im Buch finden soll?

Wir waren uns mit Philipp Oehmke einig, dass es nicht sinnvoll ist, Anekdoten aus 32 Jahren aneinander zu reihen. Gerade das Kapitel, wie wir aufgewachsen sind, wer unsere Eltern waren und wie sie uns geprägt haben, fanden wir interessant: Wir hatten mit unseren Eltern einen Generationenkonflikt, den Jüngere heute nicht kennen. Denn die Generation unserer Eltern hat Krieg und Vertreibung erlebt – und konnte das zum Teil nicht richtig verarbeiten.

Resultiert daraus auch das politische Engagement der Toten Hosen?

Ein Thema, das uns seit langem beschäftigt, ist der Umgang mit Asylbewerbern. Deshalb arbeiten wir mit „Pro Asyl“ zusammen, einer Organisation, die versucht, Verbesserungen in Gesetzen und Verwaltungsbestimmungen zu erreichen, die Lobbyarbeit macht und – soweit das Budget reicht – in Einzelfällen Asylbewerber bei ihren Verfahren unterstützt. Mein Antrieb liegt in der Geschichte der Familie meiner Mutter: Das waren neun Kinder, die zuerst unter einer brutalen Diktatur zu leiden hatten, dann kam der Krieg, dann die russische Besatzung, dann wurden sie aus ihrer Heimat vertrieben und mussten Jahre im Flüchtlingslager leben, wo sie von der angestammten Bevölkerung schon mal mit Steinen beworfen wurden. Die haben Hunger und Krankheit erlebt, ohne die Chance zu haben, die Krankheiten zu behandeln. Gut möglich, dass ich durch diese Familiengeschichte eine besondere Empathie für Menschen habe, die in Notsituationen ihre Heimat verlassen müssen und bei uns Zuflucht suchen. Ich finde es einen Skandal, wie diese Hilfesuchenden teilweise bei uns behandelt werden.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

Philipp Oehmke:

„Die Toten Hosen – Am Anfang war der Lärm“. Rowohlt, 384 S.; 19,95 Euro.

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