Ein Totentanz - Elmar Weppers schauspielerischer Triumph in dem Dörrie-Werk "Kirschblüten ­ Hanami"

München - Ein ungesehenes, ja ungeahntes Bild, ein erstaunlicher Auftritt: Elmar Wepper, vor allem TV-Zuschauern bekannt als Münchner in Hamburg und weißblaues Exportprodukt vom Dienst. Er spielt einen Witwer, der ins Sehnsuchtsland seiner verstorbenen Frau, nach Japan, reist und dort seine Trauer verarbeitet, zuletzt mit androgyner Butoh-Schminke im Kimono an einem japanischen Seeufer tanzt und stirbt.

Ein Totentanz: Wie erzählt man vom Sterben, vom Altwerden, von Obdachlosigkeit und Leid? Und von der Rettung durch Spiritualität? Das ist die Versuchsanordnung in Doris Dörries neuem Film "Kirschblüten Hanami". Es ist, dies gleich vorweg, Dörries bester Film seit Jahren geworden. Dörrie ist in ihren letzten Filmen ("Nackt", "Der Fischer und seine Frau", "How to Cook Your Life") deutlich unter ihren Möglichkeiten geblieben und hat viele ihrer erklärten Fans eher enttäuscht. Auch "Kirschblüten" ist gewiss kein Film, der cineastisches Neuland betritt, aber eine Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen von spürbarer Aufrichtigkeit, voller Zögern, Skrupeln im besten Sinn.

Dörrie, erklärte Außenseiterin in der deutschen Filmlandschaft, die schon qua Geburt (1955) zu jung für den "Neuen Deutschen Film", zu alt für die "Berliner Schule" ist und sich auch sonst von allen Traditionszusammenhängen fernhält, ist keine Autorenfilmerin, deren Arbeiten durch ein gemeinsames Thema oder erkennbare Handschrift zum Werk zusammengefügt würden. Ihre Sache sind eher Versuche, die sich durch Offenheit und Mut (auch zum Scheitern) auszeichnen, auf ungesichertes Terrain wagen, vor Künstlichkeit genauso wenig scheuen wie vor tieferer Bedeutung.

Trudi und Rudi heißt das Paar dieses Films. Trudi (Hannelore Elsner) erfährt, dass Rudi (Wepper) todkrank ist. Sie verschweigt es dem Gatten, macht eine Reise, die sie für seine letzte hält. Mit Kindern und Enkeln in Berlin hat man sich weniger zu sagen als erhofft, also geht es weiter zur Ostsee - und dort stirbt überraschend nicht der Mann, sondern die Frau.

Erst jetzt hat der Film sein Thema erreicht: Rudi, nicht frei von Selbstmitleid, erkennt, dass seine Frau ihm zuliebe viel geopfert hat, auch ihre Japanträume. So reist er selbst, quasi als Stellvertreter, ins Land ihrer Sehnsucht. Dort lebt der dritte Sohn. Doch auch er ist so mit sich beschäftigt, dass Rudi, der sich zögernd, naiv auf die Begegnung mit japanischer Tradition und Gegenwart einlässt, Trost nur bei einer Obdachlosen findet, die im Park tagsüber Butoh tanzt und fast jede von Rudis Fragen beantwortet.

Differenzierung und Subtilität sind Dörries Sache nicht. So wie die Kinder hier als Stereotypen der Gleichgültigkeit gezeichnet sind, so ist auch ihr Japan-Bild sehr simpel: Die böse Moderne besteht aus Pink-Neon und Sex-Shows, die gute Tradition aus Buddhismus, rosa Kirschblüten und Butoh-Tanz, dazwischen Fuji und Sushi. Wer einen davor bewahrt, dass Dörries klischeelastiger Blick auf die fernöstliche Kultur, die den Westen ein bisschen heiler machen kann, den Film verdirbt, ist Elmar Wepper: Er zeigt hier, wie viel er kann, gibt seinem kleinen Beamten in Spießerstrickjacke große Würde und macht den Film in seinen besten Momenten zu einer sensiblen Studie über Trauerarbeit. (In München: Mathäser, Filmcasino, Gloria, Münchner Freiheit, City, Rio, Kino Solln.)

"Kirschblüten - Hanami"

mit Elmar Wepper, Hannelore Elsner

Regie: Doris Dörrie

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