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Gerade die Musik fügt der Inszenierung des Lesedramas „Die letzten Tage der Menschheit“ eine eigene Ebene hinzu.

Salzburger Festspiele

Totentanz im Gegenlicht

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Salzburg - Georg Schmiedleitner inszenierte Karl Kraus’ Weltkriegs-Collage „Die letzten Tage der Menschheit“. Die Premierenkritik.

In seinem Zorn bemühte jener Herr sogar das Jenseits: „Heiliger Helmut Qualtinger – steig abi!“, brüllte er vom Rang in die Premierenpause hinein; gerade gingen im Zuschauerraum des Salzburger Landestheaters die Lichter an. Die Anrufung Qualtingers mag das letzte Mittel gewesen sein, dessen sich der unbekannte Kraus-Verehrer noch zu bedienen wusste. Schließlich ist die vom großen österreichischen Menschenkenner zwischen den Jahren 1962 und 1975 aufgenommene Lesung von Karl Kraus’ Weltkriegs-Collage „Die letzten Tage der Menschheit“ bis heute nicht übertroffen.

Der Qualtinger ist natürlich nicht herabgestiegen zu dieser ersten Schauspielpremiere der Salzburger Festspiele (ebenso wenig kehrte der, der da rief, nach der Pause ins Theater zurück). Wäre er jedoch diesem so laut geäußerten Wunsch nachgekommen – man mag sich nicht recht vorstellen, wie er reagiert hätte auf das, was er da auf der Bühne des Landestheaters zu sehen bekommen hätte: Vielleicht hätt’ er wutgeschnaubt ob des oft allzu braven Totentanzes im Gegenlicht? Oder hätte der Qualtinger Mitleid gehabt mit Georg Schmiedleitner?

Der Regisseur kam ja recht kurzfristig zu dieser Inszenierung. Eigentlich sollte Matthias Hartmann die Koproduktion von Wiener Burgtheater und Festspielen einrichten. Nachdem Hartmann aufgrund eines saftigen Finanzskandals die Burg-Intendanz abgeben musste, wurde ihm auch der Regieauftrag für die „Letzten Tage“ entzogen (wir berichteten). Schmiedleitner, der im Dezember am Staatstheater Nürnberg Wagners „Rheingold“ inszeniert hat, wurde als Ersatz verpflichtet. Zusammen mit Dramaturg Florian Hirsch erarbeitete er eine Spielfassung des eigentlich unspielbaren Textes.

Denn Karl Kraus (1874-1936) hatte „Die letzten Tage der Menschheit“ nicht für die Bühne konzipiert: zu viele Szenen, zu viel Personal, zu viele Ortswechsel, zu viel Wahnsinn, der zwar vorstellbar, doch kaum darstellbar ist. Er verstand seine zwischen 1915 und 1917 entstandene, oft aus Zitaten montierte, bis heute erschütternde und in ihrer Banalität auch groteske Bestandsaufnahme des Ersten Weltkriegs zunächst und vor allem als Lesedrama. Teile des Textes erschienen in der von Kraus in Personalunion als Chefredakteur, Herausgeber, Verleger und (ab 1912) einzigem Autor erstellten Zeitschrift „Die Fackel“; die erste Buchausgabe kam nach Aufhebung der Zensur im Jahr 1922 heraus. Sollte es je im Original inszeniert werden (in einem „Marstheater“, so der Autor), ging Kraus, der später eine eigene Bühnenfassung erarbeitete, davon aus, dass dies nicht unter zehn Abende zu schaffen sei.

Georg Schmiedleitner braucht in Salzburg vier Stunden 15 Minuten – seine Fassung ist durchaus klug gekürzt und geschickt verwoben. Dies nicht zuletzt durch die drei Musiker Lenny Dickson, Tommy Hojsa und Matthias Jakisic, deren Melodien, Geräusche und Lärm dem Totentanz eine weitere Ebene hinzufügen. Die Dispute zwischen Nörgler (eindrucksvoll: Dietmar König) und Optimist (Gregor Bloéb mit fieser Freundlichkeit) bringen Struktur in den Textberg, der keiner Dramaturgie folgt.

Ja, es gibt gute Szenen an diesem Abend, der den Auftakt bildet zur theatralen Auseinandersetzung der Festspiele mit dem Ersten Weltkrieg. Doch diese starken Momente beziehen ihre Kraft vor allem aus dem Text. Wenn die Regie die hochengagierten Schauspieler einfach nur sprechen lässt, entfaltet sich die Wucht der Kraus’schen Anklage. Sobald Georg Schmiedleitner jedoch zu viel inszeniert, beginnt der Schrumpfungsprozess.

Eindrucksvoll lässt sich das an der Figur der Schalek beobachten; die österreichische Journalistin war die einzige zugelassene weibliche Berichterstatterin im Ersten Weltkrieg. In ihren Aussagen entlarvt Kraus sie als (feindes-)blutgeile Propagandistin. Schmiedleitner lässt nun Dörte Lyssewski diese Frau als Karikatur aus- und bloßstellen. Doch Perversion und Menschenhass Schaleks gehen verloren, während Lyssewski über die Bühne robbt. Vom Prototyp einer kriegstreibenden Pressemeute bleibt ein Witz mit Pelzmütze auf dem Kopf. Eine lächerliche Figur, eine kleine Figur.

Klein wie auch die Bühne. Volker Hintermeier hat sie zwar leer geräumt: zwei Tische auf Rollen, Stühle und eine fahrbare Treppe genügen den Schauspielern. Dennoch bleibt die Frage, ob dieser Stoff nicht besser in der ehemaligen Fabrikhalle auf der Perner-Insel in Hallein aufgehoben gewesen wäre? Dort hätte man dem Weltkriegs-Panorama den vielleicht notwendigen Raum geben können, um sich auch als Inszenierung zu entfalten. Im sehr viel kleineren Salzburger Landestheater finden Wahnsinn und Weltenbrand im Kammerspiel-Format statt. Warum dann nicht gleich als Lesung? Heiliger Helmut Qualtinger – steig’ abi! Dennoch herzlicher Applaus.

Von Michael Schleicher

Weitere Vorstellungen am 1., 2., 4., 6., 8., 9., 10., 12., 14. und 15. August; Karten unter Telefon 0043/ 662/ 8045 500. Premiere am Wiener Burgtheater am 5. September.

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