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Kirche der Angst: Szene aus Andreas Kriegenburgs Inszenierung in einem Bühnenbild von Harald B. Thor.

Premierenkritik

Totentanz im Käfigkreuz

München - Vor allem musikalisch sensationell: Bernd Alois Zimmermanns „Die Soldaten“ an der Bayerischen Staatsoper. Eine Premierenkritik.

Der Ringschluss könnte beziehungsreicher nicht sein. Wolfgang Sawallisch, Münchens prägender Opernchef, ließ zu seiner Zeit als Kölner Generalmusikdirektor das Fallbeil herunter. Unaufführbar sei dieses Werk, beschied der Praktiker. Darüber lächeln? Das verbietet sich. Der fähige musikalische Apparat für „Die Soldaten“ von Bernd Alois Zimmermann musste tatsächlich erst geboren werden. Über die Unspielbarkeit ist das Stück inzwischen hinaus. Mehr noch: Es ist, auch davon kündigt das Dirigat von Sawallischs Münchner Nach-nach-nach-Nachfolger, aus der Phase der Be- und Überwältigung in den entscheidenden Bereich gelangt, in den der Interpretation.

Was Kirill Petrenko an der Bayerischen Staatsoper in den vergangenen Wochen veranstaltet hat, das lässt sich nur erahnen. Und wer einmal in eine Probe hineingeschnuppert hat, der war verblüfft darüber, wie der GMD (bei seinem Stückdebüt!) ein hinteres Cello oder eine kleine Bühnenmusiktrommel penibel korrigierte. Jede Premiere der „Soldaten“ erregt die Opernszene. Doch vor allem Petrenko ist zu verdanken, dass sein Münchner Haus nun mit einer Produktion wuchert, die weithin strahlt. Denkwürdig, triumphal, sensationell – der Wettbewerb um die Superlative ist hiermit freigegeben.

Der Vergleich mit einer anderen Produktion zeigt, wo die Stärken Petrenkos und die des Bayerischen Staatsorchesters liegen. Ingo Metzmacher und den Wiener Philharmonikern glückte in Salzburg vor zwei Jahren eine Gratwanderung zwischen Analyse und sattem Bombast, Erschütterung mit Goldrand gewissermaßen. Petrenko ist schonungsloser. Ein Klang wie über den Wetzstein gezogen. Die Schärfen, das Schneidende, das Unerbittliche, Direkte, Unverblümte werden körperlich erfahrbar. Wo andere sich auf dankbare Dramatik verlassen, geht Petrenko mit seinen Musikern noch in die Offensive.

Eine Deutung mit Risiko also – bei der es überhaupt keine Rolle spielt, dass auch ein paar Späne fallen. Zimmermanns Schichtungen, die Gleichzeitigkeit von Unvereinbarem, die Verzahnung von Graben, Fernwirkungen und Zuspiel-Band, all das wird hier ins Neonlicht geholt. Es gibt gleißende, schmerzende Passagen: Umso erschütternder, wenn plötzlich ein Bach-Choral aufglimmt. Die ohrenbetäubende Kakophonie der Wirtshausszene, überhaupt die großen Ensembles, in denen die Fraktionen ihre Beiträge herausschreien, sind dabei nicht nur dynamische Bizarrerie, sondern genau strukturiert. Petrenko geleitet einen trotz aller Aufgeregtheit durch die Partitur. Und das, was einst als unspielbar galt, ist nun ganz anders: nachvollziehbar.

Gegen die Musik aninszenieren, das geht nicht. Aber neben ihr bestehen können, das hat Andreas Kriegenburg geschafft. Der Abend ist mehr als eine Entschädigung für seinen Münchner „Ring“. Kriegenburg wählt den einzig richtigen Weg. Realismus, Psychologisierung, linear erzählte Handlung, das würde dem Opus widersprechen, es nivellieren. Es ist, als ob sich die Gräber geöffnet haben, als ob in einem fensterlosen Riesenraum die Schrecknisse (nicht nur) des 20. Jahrhunderts noch einmal einen wilden Totentanz gebären.

Käfigzellen, die sich auf Harald B. Thors grandioser Bühne zum nach vorn fahrbaren Kreuz formen; weiß geschminkte Soldatentiere darin und davor in faschistischen Uniformen; eine Massenvergewaltigung; Exerzieren als zusätzliche Rhythmisierung. Kaum „normale“ Bewegungen gibt es in dieser Kirche der Angst, dafür eine Choreographie (Zenta Haerter) aus dem Stummfilm-Expressionismus. Marie ist anfangs überdrehtes Aufziehpüppchen, ein Spielball, der im Takt der Musik zwischen den Soldatenleibern hin- und hergeschleudert wird. Eine Fliehende, die später immer wieder zurückgeworfen wird in den Einheitsraum und am Ende zwischen Mülltüten vegetiert: Ob ihr Überleben doch noch eine winzige Chance bietet?

Nicht nur der Vollkörpereinsatz von Barbara Hannigan nötigt dabei höchsten Respekt ab. Auch wie selbstverständlich sie sich in dieser Partie bewegt. Sogar in extremen Intervallkaskaden oder beim Aufschießen der Gesangslinie in Extremhöhen findet die Kanadierin noch Raum und Ruhe für Nuancen. Barbara Hannigan, ein Paradox, spielt mit der Rolle, ohne sich und ihre einzigartige Kunst dabei auszustellen. Ein Ereignis.

Auch die anderen Partien lassen sich kaum besser besetzen. Stolzius ist bei Michael Nagy ein verkniffener Wiedergänger von Vorlagedichter Jakob Michael Reinhold Lenz. Ein Sympathieträger, Schutzbedürftiger. Ein Gesang, der Menschlichkeit ausstrahlt in diesem so abstoßenden Geschehen – und dann, wenn sich Stolzius den Mord abringt, umkippt in den Schrei. Okka von der Damerau beweist als Charlotte, das sich diese exaltierte Musik tatsächlich mit Stimmschönheit vereinbaren lässt. Dringend müsste sie an diesem Haus mit einer Hauptrolle besetzt werden. Daniel Brenna treibt seinen Desportes mit stechendem Tenor bis zur Verausgabung, auch Kevin Conners (Pirzel), Christoph Stephinger (Wesener), Wolfgang Newerla (Mary) und Nicola Beller Carbone (Gräfin de la Roche) gelingen übergenau pointierte Charakterstudien.

Zimmermanns Glaube an die „Kugelgestalt der Zeit“, an die gleichzeitige Erfahrbarkeit von Gestern, Heute und Morgen, ist an diesem Abend nicht bloße Theorie. Die Kostüme mixen 20. und 18. Jahrhundert. Auch parallele Handlungselemente, etwa die Angst um Schutzbefohlene, werden im Falle von Gräfin, Stolzius’, Weseners Mutter und Charlotte simultan gezeigt. Doch all dieses Grauen, auch ein Verdienst Kriegenburgs, ist nichts für Voyeure. Die Verfremdung, die Fernrückung in einen verstörenden Albtraum verhindert das.

Für das Ende forderte Zimmermann eine Atombomben-Detonation vom Band. Hier ist es anders. Zu den eingespielten Schreien, Befehlen und Marschrhythmen fallen die Soldaten im Blutrausch übereinander her und blecken dem Publikum ihre tropfenden Zähne entgegen. Die Untoten, so suggeriert dieser mit Standing Ovations gefeierte Abend, sind nicht nur ungebetene Gäste der Nacht. Eine falsch genommene Weiche in der Geschichte, und alle sind sie wieder da.

Weitere Aufführungen: 28., 31.5. sowie 4. und 6.6.; Telefon 089/ 2185-1920.

Markus Thiel

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