+
Neta Weiner in „This is the Land“; Regie: Eyal Weiser, der weiterhin fürs Volkstheater arbeiten wird.

Festival "Radikal Jung"

Tour ins Ungewisse

München - Das Nachwuchsfestival „Radikal jung“ startet an diesem Samstag im Münchner Volkstheater. Seit 2005 erhalten aufstrebende Regisseure im Rahmen des Festivals ein Sprungbrett.

Im Juli erhält Christian Stückl den Münchner Theaterpreis. Ein Grund, warum die Jury den Intendanten des Volkstheaters würdigt, ist sein Verdienst um die Jugend. Kaum ein großes Haus in und um München zieht so viele junge Menschen an. „Radikal jung“ ist wichtiger Baustein von Stückls „Jugendarbeit“. Seit 2005 erhalten aufstrebende Regisseure im Rahmen des Festivals ein Sprungbrett, deutschland-/europaweit bekannt zu werden. Das Publikum ist großenteils im gleichen Alter. Ab diesem Samstagvormittag geht das Spektakel in seine zehnte Runde.

Das Jubiläum beginnt vielversprechend. Mit „Life & Strive“ bieten die Israelin Anat Eisenberg und der Berliner Mirko Winkel den Münchnern kein typisches Bühnenstück. Ihre Reflexion auf Luxusimmobilien und den urbanen Wandel verzichtet auf Schauspieler und Theaterraum. Stattdessen dürfen die Gäste „einen der exklusivsten Orte der Stadt“ besuchen. Bis zum 7. April startet die Tour ins Ungewisse dreimal pro Tag.

Zwölf Inszenierungen sind diesmal zum Festival geladen. Heuer sind unter anderem Werke aus der Republik Moldau und Frankreich zu Gast. Einige Produktionen wiederum sind so international, dass man sie keinem spezifischen Land zuordnen will und kann. Gängige Kategorien sprengen auch viele Stücke. So widmet sich das israelische Duo Keren Sheffi und Saar Székely von diesem Samstag bis Mittwoch einem Motiv aus Jorge Luis Borges’ Kurzgeschichte „Die Lotterie in Babylon“. Darin regelt ein Glücksspiel das Geschick der Stadtbewohner. Sheffi und Székely verwandeln die Gedankenspiele des Argentiniers in ihrer Inszenierung „The Lottery“ in ein reales Experiment. Dessen Teilnehmer treffen sich am Oktoberfest und unterwerfen sich den Befehlen einer Software. Das Verständnis von Selbstbestimmung weicht einer willkürlichen Instanz, einer kruden Mischung aus Autorität und Zufall. Wo „The Lottery“ mit dem freien Willen spielt, lässt Eyal Weiser die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fantasie verschwimmen. Der Künstler aus Tel Aviv war schon im vergangenen Jahr zu „Radikal jung“ geladen und inszeniert derzeit ein eigenes Werk fürs Volkstheater. Sein Festivalbeitrag „This is the Land“ beleuchtet an diesem Samstag und Sonntag den Sinn und Unsinn eines echten politischen Kulturpreises, verkehrt das Geschehen auf der Bühne jedoch ins Fiktive.

Während die meisten Beiträge des ersten Wochenendes die Genre-Grenzen sprengen, erfüllt Marianna Salzmanns musikalisches Kammerspiel „Schwimmen lernen“ am Sonntagabend am ehesten noch die Form eines Theaterstücks. Hakan Savaş Mican hat sich der Liebesgeschichte fürs Berliner Maxim Gorki Theater angenommen. Viele der im Drama verwendeten Songs stammen übrigens vom Münchner Musiker und Sänger Enik.

Nach den Aufführungen finden häufig öffentliche Gespräche mit dem jeweiligen Theatermacher und einem Jurymitglied statt, manchmal auch Konzerte. Am letzten Tag wird dann der Publikumspreis verliehen.

Katrin Hildebrand

Bis 13. April, Karten: 089/5 23 46 55.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
München - Hansi Kraus ist der ewige Lausbub - auch, weil er diesen in Ludwig Thomas Lausbubengeschichten verkörpert. Im Interview spricht Kraus auch über die …
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
Stapellauf fürs Themenfrachtschiff
Hamburg - Jörg Widmanns monumentales und mehrheitsfähiges Oratorium „Arche“ ist eine Maßanfertigung für die Hamburger Elbphilharmonie. Die Konzertkritik.
Stapellauf fürs Themenfrachtschiff
Im Minenfeld
München - Bernhard Maaz, Chef der Staatsgemäldesammlungen, spricht im Merkur-Interview über Kunst in der NS-Zeit, Gurlitt, Raubkunst, Provenienzforschung und Restitution.
Im Minenfeld

Kommentare