"Er trabte munter los"

- Wirtschaft und Habgier, 20-jährige Internet-Millionäre und ein US-Präsident, der nur mittels juristischer Tricks wiedergewählt wird. Und das alles, "während die halbe Welt verhungert": Mehr als ein Grund zur Flucht ist das. An einen Ort, der in Paul Austers Roman "Hotel Existenz" genannt wird. Der könnte ein inneres Exil sein oder auf einem Hügel liegen im schönen Vermont. Wo eine nette Pension steht mit sauber gepflegtem Rasen, ein Haus, das sich die Protagonisten des Buchs ganz gut für ihren nächsten/ letzten Lebensabschnitt vorstellen können.

Alle befinden sie sich an Lebensschwellen in Austers neuem Werk "Die Brooklyn-Revue". Vor allem Nathan Glass, 59, geschieden und früh verrentet, einer, der den Krebs überwunden hat und in eben jenem New Yorker Stadtteil beschließt, auf den Tod zu warten. Freund Hein hat aber abgesagt, dafür trifft Nathan auf eine Reihe seltsamer, hier wahrscheinlich normaler Existenzen. Auf seinen Neffen Tom, Studienabbrecher, Ex-Taxifahrer und nun beschäftigt in einem Antiquariat. Auf Harry, den schwulen Inhaber dieses Antiquariats, der wegen Bilderfälschungen im Gefängnis saß. Auf Nathans Großnichte Lucy, die von ihrer Mutter Aurora (Toms Schwester) fortgeschickt wurde, da sie der Neunjährigen ein Leben mit ihrem Vater, einem fanatischen Sektenanhänger, ersparen will.

"Hotel Existenz"

Sie alle und noch viele mehr lässt Paul Auster in seiner Revue auftreten. In einer Geschichte der persönlichen Umbrüche und Neuanfänge, der Träume und gescheiterten Lebensentwürfe (sofern sich die Figuren überhaupt über ihre Ziele im Klaren sind). In einer Handlung, die so erzählt wird, als ob Nathan sie gerade in einem Buch schildert. Womit Auster ein weiteres Mal mit den Identitäten von Autor und seinen Figuren spielt. Das erlaubt Durchbrechungen der Handlung, Momente, in denen sich der Ich-Erzähler an den Leser wendet und sogar, eigentlich eine literarische Todsünde, Spannendes auf den hinteren Seiten ankündigt.

Was in früheren Romanen Austers fast als manieristisches Spiel mit Identitäten, auch als überdeutliches Thematisieren des Erzählens wirkte, wird in "Die Brooklyn-Revue" in kunstvoller Balance gehalten. Lange ist überhaupt nicht klar, wohin dieses Buch steuert. "Er trabte munter in eine Richtung los, kam an eine Abzweigung und schwenkte scharf in eine Richtung, ohne lang zu überlegen": Genauso, wie einmal Toms Redefluss beschrieben wird, verhält es sich mit Austers Roman.

Und wieder ist es verblüffend, in welcher Dichte Personen und Schicksale auftauchen, mit welch knappen, dennoch plastischen Skizzierungen Paul Auster arbeitet. Wie große Themen von Politik bis Literaturwissenschaft eingebaut werden. Wie geschickt der Leser durch die mäandernde, stets neue Überraschungen bergende Story gelotst wird: Auster benötigt 352 Seiten, andere hätten eine Trilogie gestemmt.

Einmal wird der Roman "unterbrochen" - durch ein als Theaterstück geschildertes Gespräch, in dem Harry, Tom und Nathan innehalten, dabei über die Lage reflektieren. Ergebnis ist jenes "Hotel Existenz", ein Haus, das Tom und sein Onkel Nathan durch eine Verkettung von Zufällen in Vermont finden und das sie - dank einer weiteren Betrügerei Harrys - kaufen könnten, um eine Pension zu betreiben.

Doch das Idyll ist nur von kurzer Dauer. Harry, in New York zurückgeblieben, stirbt. Durch das Erbe sowie eine Reihe von weiteren Zufällen und glücklichen Fügungen finden alle zum wahren Ort ihrer Bestimmung: Es ist tatsächlich Brooklyn. Und dass diese Handlung ausgerechnet am Morgen des 11. September 2001 endet, ist eine sehr lakonische Schlusspointe: Finale eines wundersamen kleinen großen Romans.

Paul Auster: "Die Brooklyn-Revue". Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Rowohlt Verlag, Reinbek, 352 Seiten; 19,90 Euro.

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