Tradition ist auch eine künstlerische Vision

- Derzeit ist sein Name noch eng mit dem des Deutschen Symphonie-Orchesters (DSO) verknüpft. Doch im Herbst 2006 wird Kent Nagano, einer der weltweit begehrtesten Dirigenten, Wahl-Bayer: als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper. Nagano wurde 1951 als Enkel japanischer Einwanderer in Berkeley (Kalifornien) geboren. Er war musikalischer Chef des Hallé´-Orchesters in Manchester und der Opé´ra National de Lyon und ist derzeit Musikdirektor der Oper in Los Angeles. Wie erfolgreich seine Zusammenarbeit mit dem DSO ist, können Musikfreunde am 28. Mai live erleben - beim Gastspiel im Münchner Gasteig.

<P>Als Sie kürzlich Ihren Vertrag beim Montreal Symphony Orchestra unterzeichneten, wurde München unruhig: Chefposten in Montreal, München, dazu vielleicht noch an der Los Angeles Opera und beim Berliner DSO . . .<BR><BR>Nagano: Es gibt für mich genau abgezirkelte Grenzen. Viele meiner Kollegen dirigieren noch häufiger als ich. Die Position eines musikalischen Chefs erfordert aber, neben der Arbeit am Pult, viel Zeit für andere Aufgaben. Das Maximum für mich ist: ein Opernhaus plus ein Orchester. Das war schon immer so in meiner Karriere. Also werde ich 2006 die Oper von Los Angeles verlassen. Es bleiben München und Montreal. Und mit dem Deutschen Symphonie-Orchester gibt es eine besondere, gewachsene Beziehung. Ich bin ihm deshalb für ein paar Projekte pro Saison als Erster Gastdirigent verbunden, bis ein neuer Chef gefunden wird. 2006 ist ein sehr wichtiger Einschnitt in meinem Leben. Deshalb werde ich mir davor eine viermonatige, absolute Ruhepause gönnen, in der ich Zeit zum Reflektieren habe.<BR><BR>Zubin Mehta sagte einmal: Dirigieren ist Entspannung. Er finde es anstrengender, mit seiner Frau im Urlaub auf Besichtigungstour zu gehen als Bruckners Achte zu dirigieren.<BR><BR>Nagano: Ich würde nicht dieselben Worte benutzen (lacht). Als Musikdirektor ist man mit derart viel Verwaltungsarbeit beschäftigt, mit einem Netzwerk von Verantwortlichkeiten. Sie müssen ständig den Weg dafür bereiten, dass Musik gemacht werden kann. Und wenn endlich die Musik an der Reihe ist, dann kann das wirklich eine Erleichterung sein. Aber Entspannung . . .<BR><BR>Sie wollten mit Ihrem Berliner Orchester unter anderem herausfinden, was deutscher Klang ist?<BR><BR>Nagano: Jedes Orchester ist einzigartig, hat eine eigene Persönlichkeit. Das DSO hat einen sehr starken, lebendigen Charakter. Daher war es faszinierend, uns selbst zu fragen, uns zu erforschen: Wie ist unserer Klang beschaffen? Welche Farben hat er? Antworten darauf zu finden, kann Jahre dauern. Wir arbeiten seit fünf Jahren intensiv zusammen. Und es ist sehr aufregend zu sehen, wie weit sich alles entwickelt hat. Wir haben die Grenzen noch nicht erreicht.<BR><BR>Und was zeichnet das Bayerische Staatsorchester aus?<BR><BR>Nagano: Dieses Ensemble hat einen besonderen Platz in der europäischen Szene. Es kann eine der längsten, reichhaltigsten Traditionen vorweisen. Auch das DSO hat eine lange, aber immer wieder unterbrochene Tradition, die stärker von historischen Umbrüchen beeinflusst ist.<BR><BR>An der Münchner Oper herrschen seit langem die drei Hausgötter Mozart, Strauss und Wagner. Vor einigen Jahren kam ein vierter dazu: Händel. Sehen Sie einen fünften?<BR><BR>Nagano: Ich wusste nicht, dass Händel hier historisch verankert ist. Lassen Sie uns von Tradition sprechen. Mozart, Wagner und Strauss haben in und für München komponiert. Das war damals für die Stadt zeitgenössische Musik. Und die Münchner Oper profitierte von diesen Komponisten. Diese große Tradition bedeutet also auch eine künstlerische Vision. Der künftige Intendant Christoph Albrecht und ich wollen einen Spielplan entwickeln, der sehr behutsam mit dieser Historie umgeht. Übrigens empfinde ich tiefen Respekt für Maestro Wolfgang Sawallisch. Ich habe schon sehr früh verfolgt, was er für München getan hat.<BR><BR>Welche Komponisten haben Sie sich noch "aufgehoben"?<BR><BR>Nagano: Ich bewundere die Belcanto-Ära. Bellini, Donizetti. Die Partituren liegen bereit. Und eines Tages werde ich mich intensiv und regelmäßig damit beschäftigen.<BR><BR>War es ein Lebensziel, ein großes deutsches Opernhaus zu leiten?<BR><BR>Nagano: Ich habe es nicht geplant. Aber schon früh, mit neun, zehn Jahren, war mir klar: Das Repertoire, das zu mir passt, ist ein europäisches. Und bald würde die Zeit kommen, dass ich die USA verlassen muss, um dieses Repertoire zu studieren - im richtigen historischen und kulturellen Umfeld. Kalifornien ist ein wunderbarer, vibrierender Ort, der unglaublich viele Möglichkeiten bietet. Aber ich wusste, auch bedingt durch meine musikalische Erziehung, dass ich eigentlich woanders hinsollte.<BR><BR>Ist es notwendig, deutsch zu fühlen, wenn man diese Musik dirigiert?<BR><BR>Nagano: Ich lerne jeden Tag Deutsch (lacht). Seit Jahren. Aber wenn ich die Straße entlanggehe, würde man mich wohl nie für einen Deutschen halten. Das heißt, ich kann eine Sensibilität für diese Musik entwickeln. Aber nur über einen Lern- und Erfahrungsprozess. Es war allerdings für mich eine seltsame Überraschung, als ich in diesen Teil der Welt kam und merkte, dass ich mich auf eine besondere Art und Weise zu Hause fühlte - auch wenn mein Pass etwas anderes behauptet.<BR><BR>Wo liegt also Ihre Heimat?<BR><BR>Nagano: Wenn Sie mich vor 25 Jahren gefragt hätten, wäre die Antwort sehr einfach gewesen: USA. In den 90ern, als ich in Frankreich arbeitete, auch noch - mit Einschränkungen. Wenn ich jetzt und aus einem tiefen Gefühl antworten muss, dann: irgendwo in diesem Teil Europas. Ich spüre zwar eine Verbundenheit mit den USA, eine Art Verantwortung. Aber irgendwie sind wir Musiker doch "Global Players", auch wenn das Wort heute fast negativ belastet ist. Die Sprache der Musik ist die eines Botschafters. Emotional, kraftvoll, Grenzen ignorierend.</P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel<BR></P>

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