Tradition im besten Sinne

- "Kommen Sie nach München, Sie werden es lieben", habe Peter Jonas, der scheidende Intendant der Bayerischen Staatsoper, einst zu ihm gesagt. "Und er hat Recht gehabt", wie Kent Nagano (55) gestern bestätigte. Ab September ist der gebürtige Kalifornier mit japanischen Vorfahren Generalmusikdirektor am Max-Joseph-Platz. Nach Lyon und Los Angeles ist dies seine dritte Chefposition an einem Opernhaus.

Sie kündigten eine ästhetische Evolution an. Wie soll die aussehen?

Kent Nagano: Revolution heißt, etwas geht zu Ende. Deswegen Evolution. Vor allem weil die Bayerische Staatsoper auf eine außergewöhnlich lange, durchgängige Tradition zurückblicken kann, die sie weltweit einmalig macht. Deshalb verstehe ich auch die erste Premiere mit Richard Strauss' "Salome" und davor Wolfgang Rihms "Das Gehege" als Signal. Strauss kommt aus dem 19. Jahrhundert und stieß mit dem Stück eine Entwicklung an. Rihm ist wiederum ein Komponist, dessen Musik bei aller Modernität eine starke Sinnlichkeit besitzt.

Traditionell gibt es hier die drei Hausgötter Mozart, Strauss, Wagner. Sehen Sie einen vierten?

Nagano: Ich habe darüber viel mit Wolfgang Sawallisch gesprochen und fragte ihn ebenfalls: Ist da ein vierter? Die Diskussionen darüber halfen bei der Suche nach Komponisten, die für uns neue Stücke schreiben sollen. Die dabei Tradition im besten Sinne mit Avantgarde verbinden. Ich denke da eben an Wolfgang Rihm, aber auch an Jörg Widmann, Peter Eötvös oder Hans Werner Henze. Wobei es hier nicht unbedingt um abendfüllende Opern, sondern auch um Werke für die Akademiekonzerte geht.

Was heißt für Sie überhaupt Tradition?

Nagano: Zentral für meine Tätigkeit sind vier Fragestellungen: Wie können wir Oper heute definieren? Was wollen wir in München erreichen durch Oper? Ist Oper noch relevant? Was ist Tradition wirklich? Tradition ist nicht konservativ, kein bloßes Zurückblicken. Gerade in Bayern, einem Land, das technologisch international führend ist, dürfte das selbstverständlich sein.

Regisseure, die in den letzten Jahren die Staatsoper prägten, tauchen 2006/ 07 nicht mehr auf. Es gibt zudem keine Barock-Premiere.

Gehört das auch zu Ihrem Umbruch?

Nagano: Meine Gewohnheit ist es, Türen nicht zu schließen. Andererseits möchte ich mit Regisseuren arbeiten, die Musik so empfinden wie ich und stark aus der Partitur heraus denken. Die also dieselbe Sprache sprechen wie ich. Wobei immer die Relevanz für das heutige Publikum wichtig bleibt. Auch das von manchen gescholtene Regietheater hat dazu beigetragen, dass Oper überhaupt relevant blieb und bleibt.

Achim Freyer, der die Festspiel-Uraufführung inszeniert, zählt demnach zu diesem Kreis von Regisseuren.

Nagano: Ich glaube, wir sind wesensverwandt. Als wir in Los Angeles Berlioz' "Fausts Verdammnis" probten, saßen wir einmal in der Pause zehn Minuten nebeneinander und schauten auf die Bühne. Keiner hat ein Wort gesprochen. Und nach zehn Minuten fragte ich ihn: "Sollen wir künftig so weitermachen?" Darauf er: "Das dachte ich auch gerade." Wir verstehen uns auch ohne Worte.

41 Abende inklusive Konzerte und zwei Neuproduktionen: Bleibt es dabei? Wollten Sie nicht auch ins "normale" Repertoire eingreifen?

Nagano: Meine erste Spielzeit ist nicht repräsentativ. Ich werde künftig auch verstärkt Repertoire-Produktionen dirigieren.

Wie sieht die Arbeitsteilung zwischen Ihnen und Klaus Bachler aus, der 2008 Staatsopern-Intendant wird?

Nagano: Er ist ein idealer Partner. Wir arbeiten sehr intensiv und konstruktiv zusammen. Und wir haben auch dieselben ästhetischen Prioritäten.

Wenn es denn zu einer ästhetischen Evolution kommt: Bedeutet dies, dass es auch eine Evolution der musikalischen Interpretation gibt?

Nagano: Da verweise ich ebenfalls auf die starke Tradition des Staatsorchesters. Für mich ist die Partitur zentral bei einer Produktion. Sie verlangt Vorsicht und fordert Respekt ein. Und da ließe sich sicherlich einiges entwickeln. Das könnte man Evolution nennen.

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