Trällern der Büromäuse

- Im Grunde sind sie ja bereits Museum, die frisch gebügelten Vorzimmer-Tippsen und ihre schnarrenden, mit Klingelton anschlagenden Olympias. Aber diese einst zur vollkommenen Dienstleistungs-Einheit verwachsene weibliche Spezies hat in ihrem gesellschaftlichen Schwebezustand zwischen geduckter, grauer Büromaus, Kummerkasten und rechter Hand und/oder Geliebter des Chefs einen solchen nostalgischen Stellenwert errungen, dass Komponist Franz Wittenbrink ihr 1995 mit seinem musical-nahen Liederabend "Sekretärinnen" ein Denkmal setzte. In der Münchner Komödie im Bayerischen Hof greifen gerade sieben hinreißende Mädels in die Tasten.

<P>Im Hack-hack-ringkling-Gemeinschafts-Takt, vorgegeben von Pianist Jens Uwe Fiebig, halb versteckt hinter Toilettenspiegel und Lavabo (Bühne: Charles Copenhaver). Nur widerwillig pflichtgestresst sind die Damen natürlich, von der Nadelstreifen-Emanze mit dem provokant aufragenden Einhorn-Knoten (Kara Schuttes spitzfindige Outfits) bis zur poetisch verstiegenen Brillenschlange im Schwarzweiß-Gepunkteten. Denn aus der sklavischen Zuarbeiter-Routine, so das zwangsweise bediente Klischee, weichen sie bei jeder Gelegenheit aus ins Private. Und das sind neben schwangerem Baby-Stolz und Brotzeit-Gelüsten nach Eiern (!) eben vor allem: Männerfantasien.<BR><BR>Wittenbrink hat sie festgemacht an den süffigsten Alt-Ohrwürmern. Und so schmettern, summen und sehnsuchtsäuseln hier Sandra Bleicher, Jutta Boll, Elisabeth Ebner, Christiane Heinemann, Kathleen Herzer, Heike Schmidt und Alexandra Ebner von dem einen tollen Piräus-Matrosen, von "The Man I Love" und "Sitting in the Morning Sun". Und singen diese Hits von Milva bis Grönemeyer, von Nina Hagen bis Xavier Naidoo ganz toll, mit gut ausgebildeten Musical-Stimmen. Durchaus auch mit Körperpräsenz, die eine frech-funkige Kanalstiefel-Göre, die andere kurvig schleichendes Leopardenlook-Kätzchen. Und doch hebt diese kesse Tippsen-Crew zunächst nicht ab.<BR><BR>Von der kleinen Premieren-Verspannung mal abgesehen, hat die Inszenierung von Manfred Langer (nahm die Vorlage zu ernst) zu wenig witzig-ironischen Glamour. Bei diesen hübschen Frust-Weibsen müsste man sich eigentlich schief lachen. Und da dieser Wittenbrink ja keine Story hat, hätte der Regisseur ruhig großzügiger mit Handlungszement umgehen, die kleinen Beziehungs-Clinche, die Büro-Alltäglichkeiten herausziselieren können. So bleibt der Abend eine Nummern-Revue. Der Grund/Zusammenhang mit dem jeweiligen Sekretärinnen-Wunschtraum geht da oft verschütt. Aber dann, uff, bringt Frank Brunets Bürobote doch noch Pep in die Bude. Erotik-Traum der sieben Schönen oder Selbstbefreiung, der bis dahin fettsträhnig dahinschlurfende Kittel-Schrat strippt, stopft sich ein Haarbüschel ins Unterhemd und macht den wilden Eros Ramazotti aber so kraftschmalzig gut, dass alle sieben ihm schmachtend zu Füßen liegen und der Zuschauer hoffnungsvoll in die Pause strebt. Danach geht's auch flotter weiter.</P><P> Bis 4. 9., Tel. 089/ 29 28 10.<BR></P><P><BR> </P>

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