Tränen nach dem Sieg

- Berlin - Einmal erhoben sich alle im Berliner Tempodrom: Mario Adorf (73) wurde da für sein Lebenswerk geehrt, und hinter ihm flimmerten ein paar Erinnerungsbilder an seine große Karriere: "Nachts wenn der Teufel kam" von Siodmak, dann die Zeit in Italien, als ihm Opas Kino schon keine guten Aufträge mehr geben wollte, dann die Rückkehr in den 70ern in Schlöndorffs "Blechtrommel" und bei Fassbinder, späte Auftritte bei Dietl. Da war er, der Moment echten Glamours und echter Tradition, nicht etwas schief angeschminktes, wie man es bei solchen Anlässen schon oft erlebt hat.

<P>Die Erinnerung an Adorfs große Karriere maß den ganzen Weg des deutschen Nachkriegskinos noch einmal ab. Ein Weg, der auch der des Deutschen Filmpreises ist, der zum letzten Mal in alter Form vergeben wurde. Ohne Not wird er von der Kulturstaatsministerin und ihren Souffleuren um Bernd Eichinger geopfert. In Zukunft soll er durch die gerade gegründete Filmakademie vergeben werden, eine sympathische Institution, doch ohne rechte Aufgabe, und vorläufig arg Eichinger-hörig.</P><P>"Zuletzt hat man mir nur Großvater-Rollen angeboten,<BR>im Rollstuhl oder mit Alzheimer.<BR>Da muss es doch noch etwas Passenderes für mich geben."<BR>Schauspieler Mario Adorf (73)</P><P>Das kann dem Preis und dem deutschen Film nur schaden. Der Deutsche Filmpreis ist ein Kulturpreis, der mit Abstand höchstdotierte (drei Millionen Euro) und traditionsreichste der Republik. Er ist gedacht als Subvention für Kultur, ausdrücklich der Kunst, dem "künstlerischen Rang" eines Films und nichts anderem gewidmet. Damit dürfte es, allen Beteuerungen zum Trotz, nun vorbei sein.</P><P>Die Verpflichtung auf Kultur kann man einer anonymen Abstimmung im Gegensatz zu einer Jury gar nicht abverlangen. Der diesjährige Sieger wies schon auf diese Zukunft: "Gegen die Wand" von Fatih Akin ist mit fünf "Lolas" der große Gewinner.</P><P>"Mama, Papa, ihr könnt stolz auf mich sein" - unter Tränen beendete Jungschauspielerin Sibel Kekilli ihre Dankesrede. Die 24-Jährige hatte den Preis als beste Schauspielerin bekommen und nutzte die Gelegenheit, um es ihren Kritikern zu zeigen: "Nur gewöhnliche Menschen haben großes Vergnügen an den Fehlern anderer Menschen." Kekilli war wegen ihrer Vergangenheit als Pornodarstellerin durch den Schlamm der Boulevardpresse gezogen worden. Es war einer der emotionalsten Momente des Abends.</P><P>Der Mann mit der Klappe dankt recht ungewöhnlich</P><P>Filmpartner Birol Ünel, wegen einer Verletzung mit verwegen aussehender Augenklappe, gab sich deutlich cooler. Er lobte den Regisseur Fatih Akin (30) mit den ungewöhnlichen Worten: "Der Mann hat Eier in der Hose."</P><P>Manch einer freute sich, dass 2004 wenigstens ein kleines Zeichen für sperrige Filmkunst gesetzt wurden: Silbernes Filmband für Sylke Enders "Kroko", und ein Preis für die Dokumentation "Die Kinder sind tot".</P><P>Aber im Prinzip hat die Jury wie in den letzten Jahren bei der Preisgebung versagt. War bei den Nominierungen noch ein breites Spektrum verschiedenster Stile vertreten, siegte zuletzt immer halbstarkes Mittelmaß. Mit ihren Entscheidungen überschüttete die Jury gute, aber nicht überragende, publikumswirksame, doch nie wenigstens einmal sperrige Filme mit Preisen; so etwas wie "Nirgendwo in Afrika", "Good Bye Lenin!" und "Gegen die Wand". Anspruchsvolles, nicht mehrheitsfähiges Kino wie "Der Felsen", "Wolfsburg", "Schultze gets the Blues" oder "Hierankl" wird ganz ignoriert. Solche Entscheidungen wären wohl auch bei einer Abstimmung unter 450 Akademiemitgliedern herausgekommen.</P><P>Nicht vergessen werden darf, dass die Jury bereits in den vergangenen Jahren in Richtung Akademie umbesetzt wurde. Vier der zwölf Juroren sind Akademiemitglieder, die unabhängigen Vertreter von Filmwissenschaft und Filmkritik wurden systematisch reduziert. Das bisher breite Nominierungsspektrum dürfte bei den zukünftigen Akademie-Entscheidungen nun auch fehlen.</P><P>Zugegeben: Die Auszeichnung für die beste Fleischwurst wird auch von der Metzgerinnung vergeben. Andererseits entscheiden die Bauern ja auch nicht selber über ihre Subventionen. Bei alldem kann man einmal Verantwortung persönlich festmachen: Ministerin Christina Weiss fährt die deutsche Kinokunst willentlich gegen die Wand.</P>

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