Träume eines verfluchten Landes

- "Auch wir sind in Europa." Eindringlich und voller Charisma ruft er das in den voll besetzten Saal des Gewandhauses. Am Ende Standing Ovations für einen Europäer. Die Leipziger Buchmesse wurde mit einer bedeutsamen Preisverleihung eröffnet. Und der Preisträger setzte mit seiner Dankesrede ein politisches Zeichen. Der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch ("Das letzte Territorium", "Zwölf Ringe") wurde im Gewandhaus mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet.

Andruchowytsch nahm den Preis bei seinem, nach seiner Meinung, hohlen Wort. Denn der 45-Jährige, diese literarische Galionsfigur der Orangen Revolution und der Hoffnung einer neuen Zukunft seines Landes am Rande unseres Kontinents, hat zwar alle Segnungen europäischer Kulturpolitik erfahren in Form von Auslandsstipendien und -aufenthalten, u.a. in Münchens Villa Waldberta. Aber für sein Land, für die Ukraine, so mahnt er nun nachdrücklich, scheint ihm Europa doch nur ein leerer Wahn. Der Preis, sagt der vortrefflich Deutsch sprechende Autor, sei ihm vor allem kostbar, weil in seinem Namen sich die Begriffe "Europa" und "Verständigung" vereinen: "Ich muss der Jury dafür danken, dass sie meine Bemühungen so hoch bewertet und sich paradoxerweise dafür entschieden hat, einem Werk den Preis für Verständigung zuzuerkennen, dessen Hauptmotiv ihre, der Verständigung, Unmöglichkeit ist."

"Auch wir sind in Europa" - dieser Satz ist ein Zitat, das vor mehr als hundert Jahren der ukrainische Publizist Iwan Franko formulierte, um auf die "unerträgliche Außenseiterposition der Ukrainer" aufmerksam zu machen. Ein Verzweiflungsruf, der heute noch immer gelte.

Denn, so Andruchowytsch, erst vor wenigen Wochen habe Günter Verheugen, Vizepräsident der Europäischen Kommission, im Interview gesagt: "In zwanzig Jahren werden alle europäischen Länder Mitglied der EU sein - mit Ausnahme der Nachfolgestaaten der Sowjetunion, die heute noch nicht in der EU sind." Also: mit Ausnahme der Ukraine. Ein Satz, der alle Hoffnungen ausradiert. Die Ukraine, ein "verfluchtes Land". Und keine einzige Intellektuellenstimme habe sich erhoben, kein Schriftsteller, kein Philosoph, kein Wissenschaftler Zweifel geäußert, als 2005 die so genannte Visa-Affäre die Ukraine zu einem Land von "Nutten und Verbrechern" stempelte. Mit verheerenden Folgen. Denn politisch spielten eine solche Politik und Verheugens Aussage der ukrainischen Reaktion, den Kutschma-Revanchisten in die Hände. Andruchowytsch: "Und auch außerhalb der Grenzen der Ukraine freut man sich darüber. ,Die Ukraine wurde auf ihren Platz verwiesen’, so lautet eine der typischen Überschriften, mit denen uns das russische Internet attackiert."

"Vielleicht hat Europa Angst vor sich selbst?" Juri Andruchowytsch

Ist ihr Traum von Europa wirklich ausgeträumt? Ist das Wunder der Orangen Revolution wie eine Seifenblase zerplatzt? Statt als Europäer einfach gen Westen losfahren zu können, werden Visa mit biometrischen Daten eingeführt. "Ja, Fingerabdrücke - wie es sich für die Verbrecher und Nutten dieser Welt ja auch gehört", resümiert der desillusionierte Preisträger. Und er stellt eine uns alle beschämende Diagnose: "Vielleicht hat Europa einfach Angst? Vielleicht hat es Angst vor Europa, vor sich selbst? Vielleicht verschließt es sich gerade deswegen vor uns, weil wir uns seine Werte so sehr zu Herzen genommen haben, dass sie zu unseren Werten wurden? Weil es nämlich selbst schon lange keinen Bezug  mehr  zu diesen  Werten hat? Und das, was es im Grunde anstrebt, ist - sich nicht zu verändern. Und gerade diese Unfähigkeit, sich zu verändern, pflegt es insgeheim als höchsten Wert?"

Juri Andruchowytsch hat den Nerv seines Publikums getroffen. Seine beeindruckende Rede setzt der Buchmesse, deren Schwerpunkt neben der jungen deutschen Literatur auch die Osteuropas ist, den politischen Rahmen.

Den Rahmen dieser Eröffnungsveranstaltung bildeten neben dem Gewandhausorchester unter Riccardo Chailly und neben Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt der deutsche Autor Ingo Schulze. Mit seinem fiktiven Bericht einer Ukraine-Lesereise hielt er eine wunderbar hintersinnige, literarisch geschliffene Laudatio auf seinen Freund Juri Andruchowytsch, den zornigen Preisträger.

Juri Andruchowytsch liest am 22. 3., 20 Uhr, zur Eröffnung der Ausstellung "Last & Lost" im Münchner Literaturhaus.

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